World of WarCraft: Das Brettspiel

Special

Ein großes Fantasy-Reich auf einem kleinen Stück Pappe: Die Brettspielumsetzung belohnt geduldige Naturen mit jeder Menge WoW-typischem Spielspaß.

Einen gestandenen World of WarCraft-Spieler lockt so leicht nichts vom PC weg. Neben den unvermeidlichen Ess-, Schlaf- und Pinkelpausen könnte ausgerechnet ein Brettspiel dafür sorgen, dass er künftig den einen oder anderen Ausflug in die Onlinewelten Azeroths sausen lässt. Seiner zweiten Heimat muss er dabei nicht untreu werden: Was ihn an den -- hoffentlich riesengroßen -- Küchentisch bewegt, ist die nah am Original gehaltene Brettspielumsetzung von WoW.

Komplette Zutatenliste

Zwei bis sechs Spieler kämpfen auf Seiten von Allianz und Horde gegen Quest-Monster, den bösen Oberboss und im PvP auch gegeneinander. Es gewinnt immer eine komplette Fraktion; entweder besiegt sie als erste den Overlord -- ein extrastarker Obermotz -- , oder nach Ablauf von 30 Runden die gegnerische Fraktion in der finalen PvP-Schlacht. Es ist also Teamplay gefragt: Wer nur auf eigene Faust kämpft, kommt nicht allzu weit.

Der Fantasy-Alltag in Lordaeron wurde soweit wie möglich dem Online-Vorbild nachempfunden: Man löst -- wahlweise als Gruppe -- Quests, sackt Erfahrungspunkte ein, levelt auf und sammelt Waffen, Sprüche und zusätzliche Fähigkeiten. Wenn es zum Kampf kommt, treten die berühmt-berüchtigten Würfelmassen auf den Plan, hier in Form achtseitiger Exemplare in drei Farben. Die stehen für Fernattacken, Nahkämpfe und die Verteidigung. Durch taktische Spielräume und den geschickten Einsatz der Charakterfähigkeiten hält sich der Glücksfaktor aber im Rahmen.

Rauschen im Blätterwald

Das Brettspiel brilliert mit den gleichen Stärken wie das MMORPG: Es quillt vor lauter liebevollen Details schier über und gebärdet sich als wahres Komplexitätsmonster. Die ersten Stunden verbringt man deshalb vorwiegend mit Blättern im 40-seitigen Regelheft, das manche wichtige Infos geschickt im Textwust versteckt.

Hat man alle wichtigen Aktionen erst einmal intus, entpuppt sich WoW locker-flockiges Spiel. Der Ablauf an sich gestaltet sich angenehm flott, trotzdem sollte man (zu Sechst) mit einer Spielzeit von bis zu sechs Stunden rechnen. Uns hat die Mischung aus klassisch-amerikanischem Brettspiel, dem ausgefeilten Konzept und viel, viel WarCraft-Flair enormen Spaß gemacht.

Einige Schwächen wollen wir nicht ver -- schweigen: Da wäre die unanständig lange Aufbau- und Vorbereitungszeit. Oder das auf Dauer lästige, wenngleich nötige ständige Durchackern der eigenen Karten: Man könnte ja sonst etwas übersehen. Größter Kritikpunkt ist die mangelnde Interaktivität. Bis auf die PvP-Kämpfe spielen die beiden Parteien eher nebeneinander her. Langeweile kommt dennoch nie auf.

Teurer Offline-Ausflug

WoW: The Boardgame kostet knapp 80 Euro. Das ist heftig -- aber es war eben schon immer etwas teurer, World of WarCraft zu spielen. Auch das Material allein kann den mehr als doppelten Preis gegenüber einem herkömmlichen Brettspiel nicht ganz rechtfertigen. Es ist mit seinen Hunderten Markern, Karten und Plastikfiguren aber ebenso zahlreich wie qualitativ hochwertig. Besonders hervorzuheben ist die exzellente grafische Gestaltung; der Original-WoW-Stil zieht sich konsequent durch bis ins letzte Detail. Lediglich der Spielplan hätte etwas mehr Pepp und den einen oder anderen zusätzlichen Farbtupfer vertragen können.

Das bislang komplett in Englisch gehaltene WoW-Brettspiel wird in Deutschland vom Heidelberger Spieleverlag vertrieben. Im Spätsommer soll eine komplett lokalisierte Version folgen. Selbst hier kommt man dem PC-Bruder also erstaunlich nahe: Wer's auf Deutsch haben will, muss warten -- die echten Freaks schlagen sofort bei der englischen Originalversion zu.

Michael Galuschka

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