Wie Mass Effect: Andromeda meine Wertschätzung für Dragon Age: Inquisition noch gesteigert hat - Kolumne
Kolumne
Mass Effect: Andromeda ist nicht geworden, was man sich von einem Bioware-Spiel erhofft hat. Bioware-Fan und PC Games-Redakteur Matthias Dammes beschreibt in seiner Kolumne, wie die Enttäuschung zu noch mehr Wertschätzung für Dragon Age: Inquisition geführt hat. Der Artikel kann leichte Spoiler für beide Spiele enthalten.
Ich bin ein unverbesserlicher Bioware-Fanboy. Das haben glaube ich inzwischen auch die letzten mitbekommen. Das wird nirgends deutlicher als in der Tatsache, dass ich Mass Effect: Andromeda inzwischen drei mal durchgespielt und in der PS4-Version die Platin-Trophäe errungen habe. Und das alles, obwohl dieses Spiel wirklich erstmals ein Bioware-Titel ist, der mich richtig enttäuscht hat. Bisher konnte ich bei allen Titeln ziemlich leicht über kritisierte Aspekte hinwegsehen, weil mich die Spiele insgesamt genügend begeistert haben. So habe ich auch Dragon Age: Inquisition immer sehr stark verteidigt, weil es mich trotz seiner definitiv vorhanden Probleme zu jeder Zeit in diese Fantasy-Welt gezogen hat, die ich so liebe.
Mass Effect: Andromeda hat nun etwas erstaunliches geschafft, es hat meine Wertschätzung für Dragon Age: Inquisition noch einmal gesteigert und in mir den Wunsch geweckt es ein fünftes Mal durch zu spielen. Locker 500 Stunden habe ich bereits in das Spiel versenkt und es wurde mir nie langweilig. Jetzt, wo ich den direkten Vergleich mit Mass Effect: Andromeda ziehen kann, weiß ich um so mehr, was ich an dieser Zeit hatte. Ich weiß, mir werden da nicht viele Leute zustimmen. Einige werden vielleicht sogar entsetzt die Hände vor ihr Gesicht schlagen (*Schielt über seine Monitore zu Peter rüber*). Ich bestreite ja auch nicht völlig die negativen Seiten von Inquisition. Eine offene Spielwelt hätte es auch da nicht gebraucht. Dennoch funktioniert das Spiel in meinen Augen deutlich besser als Andromeda.
Momente mit epischer Wirkung
Die ersten Überlegungen in diese Richtung hatte ich während meiner morgendlichen Radfahrt ins Büro, während der Soundtrack von Dragon Age: Inquisition durch meine Kopfhörer drang. Denn schon allein bei der Musik hat das neuen Mass Effect da das deutliche Nachsehen. Während ich
Quelle: PC Games
Die Ernennung zum Inquisitor ist nur eine von vielen hervorragend inszenierten Momenten, die mir in Erinnerung bleiben.
mir von Inquisition und seinen DLCs die Soundtrack-Alben regelmäßig anhöre, gefallen mir bei Andromeda ganze zwei Tracks. Es fehlt mir da die gewisse Epicness, die auch die Musik der Trilogie ausgezeichnet hat. Nun wird ein Spiel natürlich nicht nur durch seinen Soundtrack bestimmt, aber mit ihm einher gehen auch herausragende Momente im Spielverlauf, die mir als Spieler noch lange in Erinnerung bleiben.
Bei Dragon Age: Inquisition gehören dazu ganz klar das erste Aufeinandertreffen mit Corypheus, die Wanderung nach Skyhold, die Zeitreise in Redcliff, die Schlacht um den Brunnen der Elfengöttin Mythal, die Rückkehr nach Skyhold am Ende des Spiels und diverse andere Situationen. All diese Momente spielen sich teilweise in meinem Kopf wieder ab, wenn ich nur die entsprechende Stelle im Soundtrack höre. Bei Mass Effect: Andromeda fehlen mir solche erinnerungswürdigen Momente aber völlig. Der erste Blick auf die Tempest wäre vielleicht noch sein ein Moment, wo auch der Soundtrack ganz kurz seine starke Seite zeigt. Aber darüber hinaus bleibt da nicht viel hängen. Hier schwächelt Andromeda eben auch gegenüber den Vorgängern gewaltig. Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich mir das erste Gespräch mit Souvereign im ersten Mass Effect anschaue.
Kekse auf dem Dach
Ähnliches gilt für die Charaktere, mit denen sich mein Held umgibt. Zwar gefallen mir auch die Gefährten von Ryder recht gut und einige wie Suvi habe ich auch direkt in mein Herz geschlossen.
Quelle: PC Games
Kleine Momente zwischen Charakteren hat Inquisition am laufenden Band. In Mass Effect: Andromeda fehlt diese Liebe bei den Interaktionen häufig.
Aber insgesamt empfinde ich den Cast von Inquisition doch als deutlich stärker. Nun profitiert DAI hier natürlich davon, dass es ausgiebig von seinen Vorgängern zehren kann. Dadurch brauchen Figuren wie Varric, Morrigan oder mein eigener Hawke nicht lange, um mich wieder in ihren Bann zu ziehen. Aber auch Neuzugänge wie Sera, Lace Harding und Iron Bull hinterließen doch eine nachhaltigere Wirkung als Liam, Gil oder Vetra. Das liegt möglicherweise auch daran, dass ich in Mass Effect: Andromeda gefühlt deutlich weniger Interaktionsmöglichkeiten mit den Charakteren hatte.
Auch die Art der Konversationen bot kaum etwas besonders. Abgesehen vor wenigen Ausnahmen wie der Szene wo Liam und Jaal sich halbnackt beleidigen, beschränken sich die Interaktionen meist auf ziemlich normale Gespräche. In Dragon Age: Inquisition verspürte ich da deutlich mehr Liebe im Umgang mit den Charakteren. Szenen wie das Streiche spielen mit Sera, die Trainingssession mit Iron Bull und Cassandra, die ihren Hang zu Varrics Liebesromane eingesteht, haben für mich viel zur Zeichnung dieser Charaktere beigetragen.
Das Große Ganze
Selbst der Hauptgeschichte von Dragon Age: Inquisition kann ich deutlich mehr abgewinnen als bei Mass Effect: Andromeda. Zwar hat mich die Wiederverwendung von Corypheus als Bösewicht zunächst auch eher gestört, aber im Vergleich zum farblosen Archon ist er immerhin ein
Quelle: PC Games
Immer wieder trübt Mass Effect: Andromeda den Spielspaß mit unschönen Glitches.
Gegenspieler mit Charisma und entsprechendem Auftreten. Hinzu kommt die für mich sehr spannende Meta-Handlung rund um die "Elfengötter" Fen'Harel und Mythal, die noch sehr viel Potential für die Zukunft hat. Und während auch Inquisition einige Fragen offen gelassen hat, war ich am Ende doch nicht so unbefriedigt, wie ich es nach dem Abspann im neuen Mass Effect war.
Neben all diesen Dingen, die sicherlich Geschmackssache sind, hat Dragon Age: Inquisition zum Release allerdings auch technisch ein deutlich besseres Bild abgegeben. Zwar war auch dieses Spiel nicht völlig fehlerfrei, was bei einem Projekt dieses Umfangs auch kaum realistisch ist, aber es hatte bei weitem nicht die Probleme, mit denen Mass Effect: Andromeda derzeit zu kämpfen hat. Ich kann mich jedenfalls an keine nennenswerten Glitches oder gar Questbugs erinnern. In Andromeda werde ich gefühlt alle zehn Minuten auf irgendeine technische Unzulänglichkeit gestoßen. Als Gesamtpaket gab Inquisition da ein deutlich runderes und polierteres Bild ab.
Müsste ich mich entscheiden ob ich Dragon Age: Inquisition oder Mass Effect: Andromeda noch einmal spielen soll, würde ich mich daher eher für ersteres Entscheiden. Ich hoffe natürlich für Bioware, dass sie in der Zukunft irgendwie wieder die Kurve bekommen. Damit ich wieder ungetrübt meiner Leidenschaft frönen kann, ohne mich ständig irgendwo verteidigen zu müssen. Übrigens: Auch diese Kolumne entstand zu den Klängen des Soundtracks von Dragon Age: Inquisition. ;)
