Mass Effect: Andromeda Kolumne zum B-Team Bioware Montreal - Leere Entwickler-Hülle mit bekanntem Namen

Kolumne Peter Bathge
Mass Effect: Andromeda Kolumne zum B-Team Bioware Montreal - Leere Entwickler-Hülle mit bekanntem Namen
Quelle: PC Games

Bioware ist nicht mehr. Für Redakteur Peter Bathge lebt die Rollenspiele-Traumfabrik der 2000er nur noch in seinen Kindheitserinnerungen weiter. Denn spätestens Mass Effect: Andromeda zeigt, dass der einst große Name Bioware inzwischen kräftig missbraucht wird - unter anderem von einem B-Team in Montreal.

Die Zeiten, in denen ich mich auf ein Bioware-Spiel gefreut habe, sind wohl endgültig vorbei. Nach dem Release von Mass Effect: Andromeda habe ich einige Stunden in der neuen Science-Fiction-Galaxy aus den Händen der einstigen Rollenspiel-Experten verbracht. Und was soll ich sagen: Dieses Action-"Rollenspiel" (der Mangel an wichtigen Entscheidungen degradiert es meiner Meinung nach effektiv zu einem Action-Adventure) hat mit dem Bioware, das ich in meiner Jugend lieben und schätzen gelernt habe, praktisch gar nichts mehr zu tun. Wie denn auch? Schließlich hat eine ganz neue Entwickler-Generation an Andromeda gearbeitet - in einem Studio, das außer dem Namen nichts mehr mit dem Ursprüngen der kanadischen RPG-Schmiede von Ray Muzyka und Greg Zeschuk gemeinsam hat.

Es war einmal ...

An die goldene Zeit der Bioware-RPGs erinnere ich mich gerne zurück. In den 2000er Jahren schien das Studio nichs falsch machen zu können: Jade Empire, Star Wars: Knights of the Old Republic, das erste Mass Effect und natürlich meinen absoluten Liebling Baldur's Gate 2, ich habe sie alle mit Freude durchgespielt, meist sogar mehrmals. Das Layout des Irenicus-Tutorial-Dungeons aus Schatten von Amn könnte ich heute wahrscheinlich noch mit geschlossenen Augen nachzeichnen. Der geniale Twist in der Mitte der Jade Empire-Geschichte jagt mir immer noch einen Schauer über den Rücken. Und die Erinnerung daran, wie ich in KotOR am Ende meines bösen Sith-Durchgangs Wookie Zaalbar dazu gezwungen habe, seine Twi'lek-Gefährtin Mission Vao abzumurksen, ist wohl auf ewig in mein Gedächtnis als eine der verabscheuungswürdigsten Videospiel-Handlungen meiner Gaming-Karriere eingebrannt. Von Shepards epischem Kampf gegen die Reaper mal ganz zu schweigen. Eines haben all diese frühen Hits, diese ständigen Begleiter meiner Jugendzeit gemeinsam: Sie entstanden alle im originalen Bioware-Hauptsitz in Edmonton, Kanada.

Etikettenschwindel

Mass Effect: Andromeda ist ein solider Cover-Shooter. Ein Rollenspiel auf einer Stufe mit der alten Bioware-Qualität ist es nicht. Quelle: PC Games Mass Effect: Andromeda ist ein solider Cover-Shooter. Ein Rollenspiel auf einer Stufe mit der alten Bioware-Qualität ist es nicht. Für Mass Effect: Andromeda zeichnet dagegen Bioware Montreal verantwortlich, ein vergleichsweise junges Studio, gut 3.500 Kilometer entfernt von Edmonton. Die Gründung 2009 fiel in eine Zeit großer Umstrukturierungen bei Bioware - eine Folge der Übernahme durch Publisher-Riese Electronic Arts im zweiten Halbjahr 2007. Der Name Bioware, eine Hausmarke für komplexe Storys, glaubhafte Charaktere und faszinierende Rollenspiel-Welten, sollte künftig nicht mehr nur für die Originalfirma aus Edmonton herhalten. EA wollte den Begriff weiterfassen, taufte Studios wie Mythic (die MMORPG-Experten hinter Dark Age of Camelot sowie Warhammer Online durften unter EA Mobile-Quatsch wie Dungeon Keeper für iOS entwickeln) und Victory Games (das waren die Macher des eingestellten Command & Conquer: Generals 2) in neue Bioware-Abteilungen um. Übrigens: Beide Firmenzweige wurden später wegen Erfolglosigkeit geschlossen.

In Montreal wurde das künftige Mass Effect-Team aufgebaut, fünf Jahre arbeitete man hier am neuen Serienteil Andromeda. Mit mittelprächtigen Ergebnissen. Die vielen Glitches und merkwürdigen Gesichtsanimationen sind dabei nicht das Hauptproblem. Das sitzt tiefer: Der Bioware-Name dient hier nur noch als eine leere, tote Hülle - all die talentierten Schreiberlinge und Gameplay-Designer haben schon längst das sinkende Schiff verlassen oder sitzen in den Studios in Edmonton (wobei das Originalstudio mit Dragon Age: Inquisition auch schon stark von den alten Bioware-Qualitäten abgewichen ist) und Austin (Star Wars: The Old Republic). Für Andromeda blieb nur die B-Crew übrig und das merkt man auch.

Fünf Jahre Entwicklung - und dann das

Wie genau die Umstände von Mass Effect: Andromedas Entwicklung waren, unter welchem Druck die Entwickler standen, darüber lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nur spekulieren. Doch die vielen grundlegenden Schwachstellen bei Story, Atmosphäre und Interface sowie die Notwendigkeit umfangreicher Patch-Arbeiten nach Release lassen darauf schließen, dass hier trotz fünf Jahren Entwicklungszeit gegen Ende der Produktion Abkürzungen auf Kosten der Qualität genommen werden mussten. Möglicherweise hat auch Electronic Arts den Job des jüngsten Bioware-Teams erschwert; dem Publisher dürfte wohl daran gelegen gewesen sein, Mass Effect: Andromeda vor dem Ende des Geschäftsjahres am 31. März 2017 zu veröffentlichen. Dabei hätte das Spiel gut und gerne noch ein halbes Jahr in der Qualitätskontrolle vertragen: Dass so viele Bugs und offensichtliche Gameplay-Unzulänglichkeiten ihren Weg ins fertige Spiel geschafft haben, lässt sich für mich nur durch den Terminstress einer drohenden Deadline erklären.



An der fundamental uninspirierten Hintergrundgeschichte, den in meinen Augen großteils dilettantisch geschriebenen Dialogen und dem Fokus auf unwichtige Open-World-Beschäftigungstherapie hätte das allerdings aller Voraussicht nach auch nichts mehr geändert. Denn je länger ich es spiele, umso mehr setzt sich bei mir die Überzeugung durch: Mass Effect: Andromeda ist schlicht und ergreifend überflüssig. Die Trilogie war abgeschlossen (über die Qualität des Endes kann man streiten), die Wiederbelebung der Marke wirkt auf mich wie ein verzweifelter Versuch, aus der Serie mehr Geld herauszupressen. Dass EA damit ein unerfahrenes, offensichtlich überfordertes und in Sachen Ressourcen benachteiligtes Studio beauftragte, auf den man den Bioware-Namen draufgeklatscht hat, ist zumindest konsequent.

Den Mantel von Bioware haben in meiner Wahrnehmung längst andere Studios aufgenommen, vor allem Obsidian Entertainment (meine neuen RPG-Könige) und CD Projekt (auch wenn ich persönlich The Witcher 3 nichts abgewinnen kann). Faszinierende Rollenspielwelten, glaubwürdige Figuren und Dialoge, wendungsreiche Geschichten - all das, was in meiner Wahrnehmung einst ein Synonym für den Namen Bioware war, bekomme ich mittlerweile woanders. In Mass Effect: Andromeda suche ich es zumindest bislang vergeblich.

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