Anno 1984 erblickt der Urgroßvater von Anno 1701 das Licht der Welt: Kaiser, der damalige König der Wirtschaftssimulationen. Ohne Grafik, Gegner, Anspruch -- und doch spaßig.
Des Kaisers Kleider sind lange aus der Mode. Auch vor 20 Jahren hat ihm niemand hinterher gepfiffen. Ein Anzug aus Buchstaben, ein Hemd von Zahlen, dazu eine Krawatte bedruckt mit Sonderzeichen. Und doch halten auch heute noch einige Getreue den Kaiser in Ehren, Dekaden nach seiner Abdankung. Als geistigen Vater von Anno und Age of Empires, von Stronghold und Siedler.
Graf von Tristanien
Wer sich heute zum Herrscher über ein Computer- Imperium krönt, der regiert über malerische 3D-Landschaften und eindrucksvolle Polygonstädte mit Hunderten Einwohnern. Wer sich 1984 in Kaiser auf den Weg vom Freiherrn zum Oberhaupt der deutschen Nation macht, herrscht über triste Textbildschirme, in denen Ziffern die Bürger ersetzen und klobige Pixelquadrate als schlechte Ausrede für Häuser herhalten.
Nach heutigen Maßstäben hat Kaiser auch inhaltlich nicht viel zu bieten: Man manövriert per Joystick oder Tastatur durch eine Handvoll Menüs, in denen man Korn ein- oder verkauft, Land erwirbt, Steuern und Gerichtskosten festlegt und Mühlen oder Märkte errichtet. Die Kriegsführung beschränkt sich aufs Anmieten von Söldnern, die in Zahlenspielen den ungeliebten Nachbarn auf den Hals gehetzt werden.
Einfach, aber entspannt
Dabei ist Kaiser nicht mal fordernd. Der Erfolg hängt zum großen Teil davon ab, ob der Zufallsgenerator eine gute Ernte einfährt. Selbst die Schlachten werden durch Glück entschieden. Solange wir die Untertanen mit Fressalien versorgen, die Steuern möglichst niedrig halten und den Gewinn in weitere Ländereien und Bauwerke stecken, ist der Sieg nur eine Frage der Zeit.
Hört sich nicht gerade aufregend an, und tatsächlich ist die Faszination heute schwer nachzuvollziehen. Wir versuchen es trotzdem: Zum einen ist die Einarbeitungszeit gleich null. Einsteigen und loslegen. Zum anderen sorgt gerade der niedrige Schwierigkeitsgrad für einen wunderbar entspannten Spielablauf. Der Zufallszauber bringt trotzdem etwas Würze ins Spiel. Und schließlich gibt?s da ja noch den Multiplayer-Modus ...
Schönste Freude: Schadenfreude
Mit einem bis fünf Freunden um die Krone zu konkurrieren, ist der eigentliche Clou. In den Achtzigern sind Computerspiele ein einsames Hobby. Drängelt man sich mit den Kumpels vorm Rechner, macht das Wutgeschrei des Konkurrenten die fehlende optische Belohnung bei einer gewonnenen Zahlenschlacht mehr als wett.
Rüdiger Steidle
