Joystick-Akrobatik in Verbindung mit wildem Kampfgeschrei und fernöstlichem Charme: Trotz Simpel-Prinzip fesselt International Karate + heute noch.
Wir schreiben das Jahr 1988. Der Amiga befindet sich auf seinem Homecomputer- Höhepunkt, die Disketten-Industrie reibt sich die Hände. Es gibt noch kein Internet, also besorgt man sich die neusten Spiele beim netten Kumpel von nebenan, der bekommt seinerseits die eigenen Titel -- und so weiter. So gab es Spiele, die damals jeder in seiner Diskettenbox hatte. International Karate + vom Ein-Mann-Team Archer MacLean ist ein sehr bekannter Vertreter dieser Gattung. Fragt man gestandene Zocker-Veteranen danach, wissen sie sofort, wo der Prügel-Hase läuft.
Aus zwei wurden drei
Augenfälligster Unterschied zu den damals zu Dutzenden erschienenen fernöstlichen Kampfspielen ist die Tatsache, dass drei statt zwei Kämpfer aufeinander einklopfen. Mindestens einer der Kontrahenten wird vom Rechner übernommen. Eine Runde dauert 30 Sekunden, einen Level weiter kommen nur die zwei Kämpfer, die die meisten Treffer landen können, der dritte scheidet aus. Es lohnt also, sich zu zweit gegen den Rechner zu verbünden, um möglichst lange im Spiel zu bleiben. Alle drei Runden gibt es ein kleines Extra-Spiel, in dem menschliche Spieler hintereinander antreten. Mal gilt es, mit einem Schild Bälle abzuwehren, die von rechts und links ins Bild fallen und immer schneller werden, im zweiten Minispielchen müssen Bomben weggekickt werden, bevor sie explodieren. Wer die Prozedur Kampf-Kampf-Extra-Spiel lange genug übersteht, kann sich bis zum schwarzen Gürtel hoch kämpfen.
Putzige Grafik
Es gibt gerade mal eine Hintergrundgrafik, vor der die Kämpfe stattfinden. Die fernöstliche Seenlandschaft, komplett mit Sonnenuntergang und Chinatown-Tor, ist aber liebevoll in Szene gesetzt: Pixelige Fische springen aus dem Wasser, Spinnen seilen sich ins Bild herab, und als Höhepunkt frisst sich Pac-Man persönlich durch die Szenerie. Ein ulkiger Schiedsrichter, der dem betagten Trainer aus den Karate Kid-Filmen frappierend ähnlich sieht, verkündet Sieg oder Niederlage. Lässt man die eigene Spielfigur zu lange herumstehen, rutscht schon mal die Karatebuchse auf Bodenhöhe -- der peinlich berührte Gesichtsausdruck der Spielfigur ist auch heute noch für einen Lacher gut.
Überall dabei
International Karate + wurde auf zahlreiche Systeme portiert. Ursprünglich stammt es aus der Spielhalle, wurde dann für C64, Schneider und Amiga, später sogar für Gameboy Advance und Playstation 1 umgesetzt. Für Spielehistoriker: Der Vorgänger International Karate ist ein Klon des C64-Urvaters Way of the Exploding Fist, der 1985 eine ganze Welle an fernöstlichen Kampfspielen auf verschiedenen Systemen lostrat.
Simon Fistrich
