Half-Life 2: Episode 1

Test

Die Actionwelt hat einen neuen Star: Zwar schlüpfen Sie in der Fortsetzung des Ego-Shooters erneut in Gordons Kampfanzug, doch eigentlich steht Begleiterin Alyx im Rampenlicht.

Kleine Taschenlampe brenn'

Nachdem die Gefahr fürs erste gebannt ist, schlägt's zur Geisterstunde. Auf der Flucht aus der Zitadelle muss sich das Heldenpaar mit Horden von Kopfkrabbenzombies herumschlagen. Problem Nummer 1: Die Biester haben Verstärkung bekommen. Mit den »Zombines« taucht eine neue, gefährlichere Variante auf. Schneller und besser bewaffnet als die Untoten im Original, stürzen sich die ehemaligen Combine-Soldaten wie Selbstmordattentäter mit Handgranaten auf den Spieler.

Problem Nummer 2: Es ist stockfinster. Nur Gordon bringt mit seiner Taschenlampe etwas Licht in die Nacht. So arbeiten die beiden zusammen: Holt Dr. Freeman mit seinem Leuchtstrahl einen Zombie im Visier, ballert Miss Vance aus allen Rohren auf das Opfer. Und die Gute ist verdammt zielsicher. Allerdings nicht unverwundbar. Im höchsten der drei Schwierigkeitsgrade müssen Weltenretter gut auf ihre Begleiterin achtgeben, sonst ist Sense.

Vertrauter Feind

Die Zombines sind die einzigen neuen Gegnertypen, die die Entwickler von Valve aus dem Hut zaubern. Frische Waffen gibt es ebensowenig wie neue Schlachtfelder. Zitadelle, Untergrund, City 17 -- das kennt man alles so ähnlich schon aus dem Hauptprogramm. Wenn auch die Sklavenstadt nach dem Volksaufstand ihr Gesicht verändert hat. Wo sich vorher Plattenbauten aneinanderreihten, qualmen jetzt Ruinen. Und der klinisch reine Reaktorraum ist sehenswert. Erst für Episode 2 verspricht Valve ganz neue Umgebungen, darunter Außenlevels.

Komprimiert und kondensiert

Im Prinzip kondensiert Episode 1 die Spielelemente und Erlebnisse des Vorgängers: hier eine Schießerei mit den Combine, dort ein kleines Physikpuzzle, hier ein Gefecht mit Unterstützung der Rebellentruppen, dort ein Wiedersehen mit Wachmann Barney. Dass sich das Sequel trotzdem anders anfühlt, liegt zum einen daran, dass Valves Erzählstil noch weiter Richtung Kinofilm driftet. Die interaktiven Zwischensequenzen sind wieder eine Klasse für sich. Nach Drehbuch selbstablaufende Ereignisse steigern kontinuierlich die Spannung.

Zum andern sorgt das Zusammenspiel mit Alyx für Aha-Erlebnisse. Mal schleudert Gordon wild gewordene Ameisenlöwen per Gravity Gun von sich, damit Alyx sie gefahrlos ausschalten kann. Dann wieder deckt sie ihn mit dem Scharfschützengewehr, während er einen Combine-Vorposten stürmt. Schließlich gibt es mehr Denkpausen und Minipuzzles. Damit etwa beim Angriff der Ameisenlöwen nicht ständig neue Biester aus dem Untergrund krabbeln, muss Gordon ihre Schlupflöcher per Gravitron mit Autowracks versiegeln.

Respekt, Herr Architekt

Technisch liegt Episode 1 ungefähr auf Augenhöhe mit Half-Life 2 und damit im Vergleich mit der neuesten Shooter-Generation etwas zurück. Dass City 17 trotzdem zu den schönsten Spielarealen überhaupt zählt, ist der Leistung der Grafiker und Level-Architekten zu verdanken. Die haben mit gekonnten Licht-Schatten-Spielen (besonders mit aktiviertem High Dynamic Range Rendering, das allerdings viel Leistung zieht), plastischen Texturen und genialen Animationen (allen voran Alyx' variantenreiches Minenspiel) erneut eine glaubwürdige, lebensechte Umgebung geschaffen.

Auch die Klangwelt gibt Anlass zur Freude. Der dezent eingesetzte, aber treibende Soundtrack, die Surround-Effekte ... einfach klasse. Nur die deutschen Synchronstimmen können da wieder nicht mithalten. Man merkt den Sprechern einfach an, dass sie keine Muttersprachler sind. Das lässt sich glücklicherweise leicht umgehen: Die englische Originalversion befindet sich mit auf der DVD.

Director's Cut

Episode 1 ist übrigens eine reine Solo-Erfahrung, einen eigenen Multiplayer-Modus gibt es nicht. Dafür bekommen Käufer das bewährte Deathmatch des Vorgängers gratis dazu. Ebenfalls bereits bekannt (aus dem kostenlosen Zusatz-Level Lost Coast), aber genial: Ähnlich wie bei DVD-Filmen haben die Programmierer an vielen Stellen Kommentare eingebaut, die auf Wunsch interessante, oft amüsante Hintergrundinformationen zur Entwicklungsgeschichte preisgeben. Wer eifrig sucht, findet auch im »normalen« Spiel wieder zahlreiche versteckte Details und Anspielungen.

Rüdiger Steidle

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