Spiele steuern durch Geisteskraft: Kein Trick mehr, den nur Luke Skywalker kann. Es funktioniert. Die Aufzeichnungen eines Experiments.
TAG 2: Ich denke, also spiele ich
An der Supermarktkasse erhalte ich ein überraschendes Training. Bin der Kassiererin zu langsam. Obwohl ich mich beeile. Nur tippt sie schneller, als eine Nähmaschine sticht. Beschleunigt ungefragt und hilft ohne Hingucken, mein Zeug in den Wagen zu schmeißen. Die Ananas kratzt mir die Hand auf. Ungelogen, offene Wunde. Beherrschung ist eine Kunst. Ich stehe an einem Scheideweg. Wie war das? Runterkommen. Während die Kassiererin mir auf der Nase tanzt, beschwöre ich innerlich den Ballon abwärts. Der ist jetzt aber eine schwere Kugel, und die lasse ich über meine Stirn den Nasenrücken runter und über die Kassiererin drüber rollen. Bin ganz entspannt dabei. Kein Stress. Keine Aggression. Nur ein nützliches kleines Spiel der Phantasie.
Ich gehe mit einem Lächeln und dem Wissen heim, dass ich jetzt verstanden habe, wie es geht. Auch das steht ja in der Beschreibung: Es gebe viele Entspannungstechniken wie Meditation et cetera. Aber jeder müsse experimentell für sich was finden. Meine Methode habe ich. Zwei Bilder, an die ich denke. Die Ananas mit dem Gesicht der Kassiererin drin (Stress) und meine Kugel mit der Kassiererin dran (Entspannung). Level 1: Kinderspiel. Der Ball senkt sich und landet. Level 2: Der Ball bewegt sich zugleich horizontal. Ich muss ihn runter kriegen, bevor er das Bild verlässt. Locker. Level 3: Wie Level 2, aber Landung auf einem bestimmten Punkt. Sogar das klappt. Level 4: Der Ball muss durch Wolken fliegen, ohne sie zu berühren.
Brauche drei Versuche, aber es geht. Nennt mich Luke, nennt mich Ben, nennt mich Vader. Eine Schwierigkeitsstufe höher kann kein Problem sein. Los. Denkste. Schwupps! Wo ist der Ball?
TAG 3: Ich spiele, also bin ich
Genug Vorgeplänkel. Zu den richtigen Spielen. Zum Beispiel Ameisen durch Anklicken in Käfer verwandeln. Langweilig, glaubt der gesunde Mensch. Ich aber nur für die Dauer einer Sekunde. Die leichte Aufgabe, die wuselnden Dinger zu treffen, versetzt mich in ebenso leichte, offensichtlich aber messbare Aufregung. Ab da rennen die Dinger schneller. Und ich werde schneller. Und die werden schneller. Und ich werde -- und so weiter. Bis eine liebe Hand mir den Nacken krault. Kam ins Zimmer geschlichen, tut mir gut. Die Ameisen laufen in Zeitlupe. Entspannung für Große. Besser als alle aufgekugelten Kassiererinnen. Die Diagramme weisen es nachher aus. Extrapunkte für den Maximalpegel Entspannung. Ich erinnere mich, die anderen Spiele haben zu tun mit Zahlensortieren. Und mit Räder rotieren lassen. Aber jetzt fühle ich mich sehr schläfrig und ruhig. Und will gar nicht mehr spielen. Vielleicht wäre es das Beste, sich jetzt hinzulegen. Warm. Behaglich.
Sie sagt: »Lass mich auch mal.« Ameisen rennen kreuz und quer. Keine Chance, auch nur eine davon noch zu erwischen. Verflixte Mädchen! Kann man immer noch nicht Gedankensteuern.
Daniel Ch. Kreiss
