Die Unglaublichen: John Lasseter und sein Pixar-Team haben es geschafft, einen Film mit sprechenden Autos zum Ereignis werden zu lassen. Die DVD dazu ist nahezu perfekt
Bereits in seiner ersten Saison wird Lightning als Favorit gehandelt
Wie die Zeiten sich ändern. Gerade mal zwölf Jahre ist es her, dass mit "Toy Story" der rste komplett im Computer entstandene Spielfilm in die Kinos kam. Selbst dessen Riesenerfolg hätte damals niemanden ernsthaft vermuten lassen, dass der klassische, von Hand gezeichnete Trickfilm jemals aussterben würde. Natürlich tat er das bis heute nicht, wie z.B. die "Simpsons" beweisen. Auch in Asien wird weiterhin fleißig Handarbeit geleistet. Wenn es aber um die großen, nur für das Kino produzierten Zeichentrickfilme aus Hollywood geht, trifft Woody Allen den Nagel auf den Kopf: Tradition ist die Illusion der Permanenz.
Dass ausgerechnet Disney, über Jahrzehnte der souveräne und globale Marktführer in Sachen animierter Familienunterhaltung, Pixar unter seine Fittiche nahm und somit gleichzeitig das Ende des eigenen, in der Unternehmensphilosophie fest verankerten Kerngeschäfts einläutete, ist rückblickend betrachtet schon mit Ironie behaftet.
Rationalisierung
Im Oval fährt Lightning dem King und Chick Hicks (re.) davon
Der sich in ihrer Brillanz kontinuierlich steigernden CGI-Optik hatten traditionelle Produktionen nicht mehr viel entgegen zu setzen. Sogar der hinreißende "Gigant aus dem All" (1999) oder das Sci-Fi-Epos "Titan A.E." (2000) floppten, während das erst für den Video-Markt gedachte Sequel "Toy Story 2" (1999) Rekorde brach und den Kurs der Disney-Aktie nach oben trieb.
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Das Schicksal des Genres entschied sich in der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts. "Lilo & Stitch" (2003) war noch sehr erfolgreich, mit den finanziell mehr als enttäuschenden "Atlantis" (2001) und "Der Schatzplanet" (2002) wurde aber einfach zu viel Geld verbrannt. Trickfilme waren zu einem teuren und unkalkulierbaren Risiko geworden. Mit "Die Kühe sind los" endete bei Disney 2004 dann endgültig eine lange Ära, der wir Zuschauer viele unvergessliche Momente zu verdanken haben. Konkurrent DreamWorks stellte seine Ambitionen in dieser Richtung nach Reinfällen der wunderschönen Storys "Spirit" (2002) und "Sinbad" (2003) ebenfalls komplett ein.
Vorwärtsgang
Wegfahrsperre: Lightning McQueen bekommt eine Radkralle verpasst
Für Pixar dagegen läuft weiterhin alles prima. Kaum zu glauben: das innovative Studio, vor 20 Jahren als eine Lucasfilm-Unterabteilung für Spezialeffekte gegründet, erzielte mit seinen bisher sieben Spielfilmen nur in den USA ein kumuliertes Box Office von 1,7 Mrd. Dollar. Daraus ergibt sich ein sensationeller Durchschnitt von einer knappen Viertelmilliarde Umsatz pro Film. Das nennt sich effektiv.
Lightning bespricht sich mit seinem Transporter Mack
Pixars Mastermind John Lasseter, Regisseur der ersten drei Produktionen, erfüllte schließlich bald das Klischee des aus vielen Komödien bekannten Vaters, der seine Familie zugunsten der Arbeit vernachlässigt. Auf Drängen seiner Frau machte sich John 2001 mit Kind und Kegel auf eine ausgedehnte Wohnmobiltour durch Amerika. Als Route wählten sie den legendären Highway 66, den Lasseter als Kind oft mit seinen Eltern befuhr. Seine anfängliche Befürchtung, dass sich alle Reisenden ständig streiten würden, zerschlug sich schnell. Stattdessen führte der Trip zu der Erkenntnis, dass Ruhm und Erfolge zwar sehr schön, aber nicht das Wichtigste im Leben sind. Die Idee zu "Cars" war geboren.
Kindheitstraum
Warum weiß der alte Doc Hudson so viel über Autorennen?
Bereits 1998 unterhielt sich John Lasseter mit seinem Kollegen Joe Ranft über seinen Wunsch, eine Geschichte zu erzählen, in der Autos die Hauptdarsteller sein könnten. Aufgewachsen als Sohn eines ehemaligen Chevrolet-Händlers, entwickelte Lasseter ohnehin sehr früh eine Liebe zu Fahrzeugen. In seiner Funktion als Hauptverantwortlicher der erfolgreichsten CGI-Schmiede ergriff John dann die Gelegenheit, sich seinen Herzenswunsch zu erfüllen.
Die Reifenhändler Guido und Luigi (re.) sind echte Ferraristi
Und erneut erwies sich Pixars Entscheidung als richtig. Wider Erwarten schaffte es "Cars", ein Massenpublikum zu finden und zu begeistern. Begleitende Tragik: Joe Ranft, der an fast allen Pixar-Filmen als Sprecher oder Autor beteiligt war und bei "Cars" als Co-Regisseur fungierte, starb am 16. August 2005 bei einem Autounfall in Pasadena, Kalifornien. Die Vollendung seiner Arbeit konnte er leider nicht mehr erleben. Ranft, der nur 45 Jahre alt wurde und eine Frau und zwei Kinder hinterließ, ist es dann auch, dem dieser Film im Abspann gewidmet wird.
Road Trip
Damit Pixar-Produktionen so authentisch wie möglich sind, setzt John Lasseter vor dem Start eines neuen Projekts auf möglichst gründliche Recherche. Für "Findet Nemo" wurden die Animateure z.B. auf Tauchgänge geschickt, um einen Eindruck von der Unterwasserwelt zu erhalten, die sie anschließend darstellen sollten. Bei "Cars" war das ähnlich.
2001 machten sich Lasseter, Ranft und die wichtigsten Crew-Mitglieder auf den Weg nach Oklahoma, um von dort aus in vier weißen Cadillacs eine Fahrt auf der Route 66 zu beginnen. Während der folgenden neun Tage sprachen sie mit Bewohnern der kleinen Städte entlang der Strecke, erfuhren, welche Auswirkungen der Bau moderner Umgehungsstraßen auf das Leben dort hatte und konnten sich mit den verschiedenen Landschaften und deren Gegebenheiten vertraut machen. Das Ergebnis der Vorbereitung sieht man in jeder Szene des fertigen Films.
Ehrenrunde
Lightning McQueen (Sprecher: Daniel Brühl) ist ein junger Rennwagen, der in seiner ersten Saison nur ein Ziel kennt: Den Gewinn des Finales um den begehrten Piston Cup. Seine beiden Konkurrenten Chick Hicks (Christian Tramitz) und Strip "The King" Weathers (Niki Lauda) sollten ihm bei seinen Titelambitionen eigentlich keine großen Probleme bereiten.
Auf dem Weg zur Piste in Los Angeles kommt es allerdings zu einem Zwischenfall. Der schlafende (!) Lightning rutscht vom Transporter und landet abseits des Highways in einem abgelegenen Wüstendorf namens Radiator Springs. Weil er mit seiner Raserei die dortige Hauptstraße aufreißt, wird er vom obersten Richter, dem 51er-Oldtimer Doc Hudson (Friedrich Schönfelder), zur Reparatur verdonnert. Lightning darf erst weiterfahren, wenn die Strecke wieder glatt ist.
Widerwillig fügt sich der rote Renner in sein Schicksal. Sein Aufenthalt führt nebenbei aber zu der Erkenntnis, dass die schrulligen Einwohner viel netter und liebenswerter sind, als der anfangs arrogante Lightning dachte. Außerdem ist die schicke Porsche-Lady Sally (Bettina Zimmermann) samt Arschgeweih unter dem ausfahrbaren Heckspoiler ziemlich süß. Bei aller Idylle gilt es für Lightning aber immer noch, in nur wenigen Tagen das wichtigste Rennen seines Lebens zu fahren.
Economy-Klasse
Die Ausstattung der deutschen Single-Disc entspricht den amerikanischen und australischen Pendants. Zu bewundern sind die beiden Kurzfilme "Hook und das Geisterlicht", bei dem es ein witziges Wiedersehen mit dem ängstlichen Abschleppwagen gibt, sowie "Die Einmannband", der mit 5.1-Sound und Scopeformat ebenfalls gut unterhält.
In der Featurette "Inspiration für ,Cars’" spricht John Lasseter als treibende Kraft über seine Beweggründe, den Film unbedingt machen zu wollen. Weiter geht’s mit vier zusätzlichen Szenen im Rohstadium, zu denen es jeweils eine kurze Einleitung gibt. Hinter dem "Epilog" verbirgt sich die auch in den Filmcredits zu sehende Sequenz, die Auswirkungen von Lightnings Abenteuer auf Radiator Springs zeigt.
Die Wahl der Sprache, zu der die DVD nach Einlegen auffordert, wirkt sich übrigens auf den Film aus. Einige Schrifttafeln bzw. Anzeigen sind dann entsprechend in Englisch oder Deutsch. Alternativ zum Amaray-Cover gibt es "Cars" als zweiten Buena-Vista-Titel nach "Aviator" auch im SteelBook.
