Eine Ironie des Schicksals: Ausgerechnet der bedeutendste Triumph der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts läutete für seinen Autor den Untergang ein. Mit "Kaltblütig" veröffentlichte Truman Capote 1966 einen Roman, der auf einem realen Mordfall basierte. Die revolutionäre Wirkung des Werks war ebenso simpel wie verblüffend: Vor Capote gab es tatsächlich noch keinen Schriftsteller, der einen nicht-fiktionalen Roman verfasst hat. Die Recherchen für sein Werk wurden für Capote allerdings zur psychischen und physischen Zerreißprobe.
Bennett Millers Spielfilmdebüt pickt sich genau diesen spannenden Abschnitt im Leben Capotes heraus und beschreibt einen facettenreichen Menschen, der fraglos zu den schillerndsten Persönlichkeiten seiner Generation gehörte.
Faszination des Bösen
Als der gefeierte New Yorker Autor und Journalist Truman Capote (Philip Seymour Hoffman) im November 1959 von einem brutalen Mord an vier Menschen in Kansas erfährt, macht er sich umgehend auf die Reise an den Ort des Geschehens. Seine Begleitung besteht in seiner langjährigen Freundin und Kollegin Harper Lee (Catherine Keener).
Im provinziellen Kansas angekommen, heften sich die beiden Großstädter an die Fersen des ländlichen Polizeichefs Alvin Dewey (Chris Cooper), der die Fahndung nach den Tätern leitet. Als diese in Las Vegas gefasst werden, wittert Truman mehr als nur eine Story für eine Tageszeitung. Nach dem Prozess, bei dem die Killer Dick Hickock (Mark Pellegrino) und Perry Smith (Clifton Collins Jr.) zum Tode verurteilt werden, begreift Truman, dass er in einer Gesellschaft lebt, in der Parallelwelten existieren.
Die eine wird von rechtschaffenden Menschen bewohnt, in der anderen leben Mörder wie Hickock und Smith. Das Aufeinanderprallen beider Welten in der Mordnacht und dessen schreckliche Folgen lassen Capote nicht mehr los.
Quid pro quo
Im Zuge seiner Recherche freundet sich Truman mit einem der Verurteilten, dem jugendlichen Perry, an. Capote verspricht ihm bessere Anwälte für die Berufung und erwirkt zunächst tatsächlich einen Aufschub der Hinrichtung. Im Gegenzug verlangt Truman von Perry Informationen über dessen Leben und Gedankengänge, um ihn im geplanten Buch als Mensch und nicht als Bestie darstellen zu können.
Bei ihren Gesprächen in der Zelle entwickelt der homosexuelle Capote Gefühle für den jungen Mann, die ihn in eine emotionale Zwickmühle bringen. Der Abschluss seines Romans wird erst durch den Tod der Häftlinge möglich.
Karriereschub
Für Schauspieler Philip Seymour Hoffman wurde die Titelrolle zu einem ungeahnten Welterfolg. Der 1967 in New York geborene Mime gewann für den Film nahezu sämtliche relevanten Preise, darunter auch den "Golden Globe" und den "Oscar" als bester männlicher Hauptdarsteller.
Auch wenn seine deutsche Synchronstimme äußerst passend ist, sollte man bei der DVD nicht darauf verzichten, Hoffmans im O-Ton verstellte Stimme mit der des echten Capote zu vergleichen. Gelegenheit dazu gibt es in "Erhörte Gebete" (6:44), der ersten von insgesamt drei Featurettes auf der DVD. Hier kommen u.a. auch Hoffman und Regisseur Miller kurz zu Wort.
