Noch größer, viel einsteigerfreundlicher, per Maus steuerbar -- hört sich gut an, was Egosoft versprochen hat. Aber ist X3 wirklich besser als das Komplexitätsmonster X2?
Zitat aus dem Pressetext, den wir mit der Testversion des Weltraumspiels X3 erhalten: »X2 -- Die Bedrohung wurde oftmals eine zu steile Lernkurve nachgesagt, die es Einsteigern erschwerte, sich das komplexe Spielgeschehen zu erschließen.« Absolut richtig. Weiter im Text: »In X3 -- Reunion wurde der Einstieg nun deutlich entschärft.« Absolut falsch! Denn selbst unsere Tester, die seit dem seligen Elite kein Weltraumspiel ausgelassen haben, waren streckenweise völlig überfordert. Weil X3 ambitionierte Piloten erst einmal allein lässt, das Navigieren zwischen Sektoren viel zu kompliziert macht, wichtige Steuerungselemente nicht erklärt und so weiter. Statt einer flacheren Lernkurve stehen vor allem Einsteiger, ja selbst Fortgeschrittene anfangs vor einer senkrechten Lernwand mit hohem Frustfaktor.
Tor eins, zwei oder drei?
Drei Beispiele: Sektoren sind durch Sprungtore verbunden, wir sollen in einen bestimmten Sektor fliegen. Dummerweise werden unterwegs nicht alle Tore angezeigt, weil sie noch außerhalb unserer Sensorreichweite liegen. Wir düsen also grob in Richtung Westtor; doch Pustekuchen, das Ding führt in den falschen Sektor. Das kriegen wir allerdings nicht im eingeblendeten Infofenster mitgeteilt -- hier steht nur »Ziel unbekannt«. Die gleichzeitig ertönende Computerstimme verrät aber sehr wohl den Zielsektor. Also weiter zum nächsten Tor, das trotz Sprungantrieb mehrere Minuten entfernt liegt. Bug? Absicht? Keine Ahnung, wir fragen uns allerdings, warum heutzutage jedes Aldi-Navigationssystem mehr auf dem Kasten hat als ein Raumschiffcomputer in ferner Zukunft. Dabei erwarten ja nicht mal große, blinkende Pfeile ...
Beispiel zwei: Standardmäßig haben wir einen Zielcomputer an Bord. Auf der höchsten der beiden Stufen reicht es, ungefähr Richtung Feind zu feuern. Auf der unteren kriegen wir ein Vorhalte-Zielkreuz. Nur: Die Zielhilfe schaltet zwischen Missionsabschnitten selbstständig um -- etwa, wenn uns mehrere Angreiferwellen attackieren. Allerdings sehen wir nur an einem winzigen Symbol, dass das blöde Ding umgeschaltet hat. Mit dem Patch 1.3 (siehe Kasten links) passt sich die Automatik zwar besser der Situation an, doch die wechselnden Modi nervten uns beim Patch-Test immer noch.
Beispiel drei: In einem Skript-Ereignis werden wir aus unserem Schiff geschossen, schweben im Raumanzug umher. Uns bleiben 90 Sekunden, dann bricht das Lebenserhaltungssystem zusammen. Nach rund 30 Sekunden funkt uns ein Schiff an, das uns aufnehmen will. Die verbleibenden 60 Sekunden reichen aber nicht -- wir müssen die gesamte Mission neu starten; der Raumanzug-Abschnitt ist nämlich nur zu schaffen, wenn man sofort in die richtige Richtung fliegt. Und wir reden hier von den allerersten, »einsteigerfreundlichen« Einsätzen!
Dicke Dinger
Dafür punktet X3 mit viel Weltraum-Atmosphäre: Wir fliegen an gewaltigen, schön detaillierten Stationen und Großraumern vorbei. Durchqueren voluminöse Nebel, umrunden Asteroiden. Begleitet von einem erstklassigen Soundtrack, der vor allem bei Gefechten zur Höchstform auffährt.
Und die Maussteuerung? Die ist etwas schwammig, zieht leicht nach, die Empfindlichkeit lässt sich, anders als bei der Joystick-Steuerung, nicht einstellen. Trotzdem sind wir meistens per Maus und Tastatur geflogen, wobei wir mit X und Y das Tempo regeln. Denn mit der Maus lassen sich die zahlreichen, trocken präsentierten Menüs am besten meistern, die wir zum Handeln, Schiffsausbau etc. durchforsten müssen.
Das Andocken geht zum Glück leicht von der Hand: Schon Ihr Startschiff hat einen Docking-Computer, der Sie auch aus großer Entfernung sicher einparkt.
Story? Nein danke!
Wer auf die Hauptmissionen pfeift, kann mit X3 trotzdem glücklich werden. Der Story müssen Sie nämlich nicht folgen -- Sie können sie entweder gleich beim Spielstart abschalten oder später schlicht ignorieren. Und stattdessen auf eigene Faust handeln, in die ständig tobenden Kämpfe verfeindeter Fraktionen eingreifen oder Piraten jagen. Dank zahlreicher Automatikfunktionen lässt sich X3 quasi als Bildschirmschoner einsetzen, indem Sie Schiffe kaufen und per editierbarem Skript selbstständig Handelsrouten abklappern lassen. Wer's mag ...
Martin Deppe
