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  • Der WoW-Effekt

    5,5 Millionen Spieler weltweit, mehr als eine Million davon in Europa -- ein Jahr nach dem Start spülen alleine die Abo-Gebühren von World of WarCraft jeden Monat einen hohen dreistelligen Millionenbetrag in Blizzards Kassen. Gleichzeitig klagen Mitbewerber und Händler öffentlichkeitswirksam über einen teils deutlichen Umsatzrückgang, weil World of WarCraft-Spieler keine neuen Spiele mehr kauften. Wir haben nachgehakt: Wie groß ist der WoW-Effekt tatsächlich?

    »Im letzten Jahr hatte ich einen Rückgang von ungefähr 10 Prozent«, sagt Oskar Walter. Ihm gehört ein kleiner Laden am oberen Ende einer Offenbacher Einkaufsstraße, der Soundcheck. Ein Name aus einer Zeit, in der man als unabhängiger Einzelhändler noch mit CDs und Schallplatten sein Geld verdienen konnte. Inzwischen konzentriert Oskar Walter sich auf Spiele, aber auch da wird das Geschäft härter, die Konkurrenz aggressiver. Und es gibt den WoW-Effekt: »Ein Teil meiner regelmäßigen Kunden kommt spürbar seltener, seit sie World of WarCraft gekauft haben«, sagt Walter.

    Er selbst hat sich schon vor ein paar Monaten ein Exemplar auf die Seite gelegt, damals, als die Nachfrage monatelang größer war als die Liefer- und Serverkapazitäten von Blizzard. Aber »mehrere Suchtfälle« aus seinem Kunden- und Bekanntenkreis lassen ihn zögern. Dennoch, so Walter, mache man es sich zu einfach, wenn man die Umsatzrückgänge ausschließlich auf World of WarCraft schiebe. Zumindest einen Teil der gegenwärtigen Probleme sieht er an ganz anderer Stelle. Und besonders neu seien sie auch nicht.

    »Alles konzentriert sich auf ein paar Top-Titel«

    »Der PC-Bereich ist bei mir schon seit einigen Jahren am Schrumpfen«, sagt Walter. Ganz im Gegensatz zur PS2, die bei ihm den PC mittlerweile als Hauptgeschäft abgelöst habe, gäbe es auf dem PC-Markt keine ausreichende Breite mehr: »Alles konzentriert sich auf ein paar Top-Titel.« Dazu gehört auch World of WarCraft, von dem Walter eine dreistellige Stückzahl verkauft hat, für seine Verhältnisse ein sehr gutes Ergebnis. Am eigentlichen Geschäft, den monatlichen Abo-Gebühren, verdient er allerdings nur am Rande mit -- durch Gametime-Karten, die besonders bei Jugendlichen sehr beliebt seien. »Da sollen dann die Eltern nicht wissen, dass der Sohn 15 Euro im Monat für ein Spiel ausgibt.«

    Die Gewinnmargen sind bei diesen Karten natürlich sehr viel kleiner als bei einem Vollpreis-Spiel. Etwa 20 Prozent verdient Walter an einem PC-Titel, bei Konsolen-Spielen ist die Marge höher, ungefähr bei 30 Prozent. World of WarCraft kauft er derzeit für 31 Euro beim Großhändler ein und verkauft es für 45 Euro weiter, ein ordentlicher Gewinn, der aber eher die Ausnahme sei, jedenfalls über einen derart langen Zeitraum. »Die mangelnde Preisstabilität ist ein großes Problem. Wenn man ein Spiel nach einem halben Jahr zum halben Preis haben kann, überlegt man es sich doch zweimal, es zum Vollpreis zu kaufen.« Das Runden-Strategiespiel Shattered Union ist so ein Fall: Im Oktober 2005 verkaufte Walter es für 39 Euro, vier Monate später kostet es im Einkauf noch lächerliche 6 Euro und ist damit für ihn uninteressant geworden. »Wenn Spiele unter einen gewissen Preis fallen, sind sie bei mir gelaufen.«

    Fünf Nice-Price-Spiele pro Vollpreis-Titel

    Ganz anders beim Media Markt. Dort machen Budget-Titel inzwischen 15 bis 20 Prozent des Umsatzes aus, in reinen Stückzahlen gerechnet verkauft die Niederlassung in Weiterstadt, die mit dem Slogan »Größter Media Markt der Welt« wirbt, fünf Nice-Price-Spiele pro Vollpreis-Titel. Auch hier hat man laut Entertainment-Bereichsleiter Achim Taferner den WoW-Effekt bemerkt, allerdings nicht in den Ausmaßen, die aktuelle Zahlen und Meldungen aus den USA vermuten ließen. »Der PC-Bereich ist bei uns im letzten Jahr leicht zurückgegangen, aber er nimmt immer noch 50 bis 55 Prozent ein«, sagt Taferner. Von World of WarCraft habe man alleine am Erscheinungstag 160 Exemplare verkauft, insgesamt seien inzwischen etwa 1.300 Stück abgesetzt worden. Zum Vergleich: Von anderen Top-Sellern werden etwa 300 Exemplare verkauft.

    Über Gewinnmargen will und darf Taferner nicht sprechen, aber er deutet an, dass sie gerade bei Top-Titeln oftmals geringer seien als die der kleineren Händler. Der Grund ist recht einfach: Im Gegensatz zu Oskar Walter kauft Taferner direkt bei den Spieleherstellern ein. Dort bekommt man zwar in der Regel keine so günstigen Preiskonditionen wie bei Großhändlern, kann Warenüberschüsse aber meist relativ problemlos retournieren. Im Klartext: Kauft ein kleiner Händler zu viel ein, bleibt er darauf sitzen, kauft ein Großmarkt zu viel ein, kann er es zurückgeben. Gerade angesichts aktueller Verramschungs-Beispiele wie Shattered Union ein erheblicher Vorteil.

    »Seit einem Jahr spiele ich nichts anderes mehr«

    Apropos Großhändler: Auch dort hat der WoW-Effekt Spuren hinterlassen, buchstäblich: »Ich kann's ja an mir selbst beobachten«, sagt Günther Groß, Inhaber von Groß Electronic, einem von Walters Lieferanten. »Seit einem Jahr spiele ich nichts anderes.« Die gegenwärtigen Probleme will aber auch er nicht alleine auf das Suchtpotenzial von World of WarCraft schieben: »Die Margen im Großhandel sind generell enorm gesunken. Aktuell liegen sie bei drei Prozent, vor zehn Jahren waren es noch zehn. Der Überlebenskampf ist einfach härter geworden.«

    Als aktuelle Gefahr für den PC-Markt nennt Groß die zunehmende Zahl von Raubkopien. Und Ebay. »Früher haben die Leute gesagt: Das kriege ich doch beim Media Markt billiger. Heute sagen sie: Das kriege ich doch bei Ebay billiger.« Der Preisverfall sei »tödlich«, so Groß, und werde durch die aggressive Preispolitik der Großmärkte noch verschärft.

    Das sieht auch Oskar Walter ähnlich: »Wenn du einen preisaggressiven Großmarkt vor der Nase sitzen hast, dann hast du ein Problem.« Als er 1994 angefangen hat, war der nächste Saturn in Köln, also rund 200 km entfernt. Heute gibt es gleich zwei in der näheren Umgebung, und Walter hat es sich zur Gewohnheit gemacht, einmal pro Woche die Preise bei der Konkurrenz zu vergleichen. »Vor ein paar Monaten lief World of WarCraft plötzlich gar nicht mehr. Da dachte ich, musst du mal beim Saturn gucken. Und der war für eine Woche runtergegangen auf 39 Euro. In solchen Fällen muss ich natürlich nachziehen.«

    Achim Taferner wehrt sich uns gegenüber allerdings gegen den Vorwurf, kleinere Händler mit Kampfpreisen vom Markt drängen zu wollen: »Es ist wirklich nicht so, dass wir die kaputtmachen. Ich kann die Probleme verstehen, aber Opferrollen macht man sich selbst. Was aggressive Preise angeht, sind die nämlich auch keine Kinder von Traurigkeit.«

    Zu wenig herausragende Titel?

    Bei Okaysoft jedenfalls, einem der führenden deutschen Versandhändler, sind aggressive Preise Teil des Firmenkonzepts. »Wir sind 1989 mit den günstigsten Preisen -- also auch den kleinsten Gewinnmargen -- in den Markt eingestiegen«, sagt Herbert Wirnshofer, Inhaber von Okaysoft. »Damals gab es noch Titel mit empfohlenen Verkaufspreisen von 124,90 DM, die wir für 84,90 DM angeboten haben. Unsere Kalkulationsgrundlage haben wir seit dieser Zeit praktisch nicht verändert -- allerdings hat sich der Markt unserem Preisniveau teilweise angenähert.«

    Einen »merklichen« Umsatzrückgang im letzten Jahr hat allerdings auch Herbert Wirnshofer bemerkt, führt diesen aber zumindest teilweise auf mangelnde Top-Titel zurück: »2005 hatten wir als herausragende Titel nur Fear und Quake 4. Letzteres konnte die hohen Erwartungen leider nicht ganz erfüllen. Einen Großteil des WoW-Umsatzes hatten wir dank einer Pre-Order-Aktion schon 2004. Da hatten wir mit Titeln wie Half-Life 2, Far Cry, Doom 3 und UT 2004 auch das beste Ergebnis seit 17 Jahren.«

    Ego-Shooter, gerade in der Import- oder Uncut- Version, haben für einen Versandhändler wie Okaysoft ohnehin einen sehr hohen Stellenwert: »Zwei Beispiele sagen eigentlich alles: Fear haben wir zu 89 Prozent als ungeschnittene Version verkauft, und bei Quake 4 waren es exakt 99,64 Prozent«, sagt Wirnshofer. Auch Oskar Walter hat einen festen Kundenkreis für 18er- und Uncut-Titel und sieht dieses Segment als eine der wenigen Möglichkeiten, sich gegenüber den manchmal übermächtig erscheinenden Großmärkten zu positionieren.

    Mit Erfolg, wie es scheint, denn bei Media Markt kann und will man keine Importe oder indizierte Titel anbieten: »Wir müssten nicht nur einen eigenen Raum dafür einrichten«, sagt Achim Taferner, »sondern auch mit dem Kunden bis zur Kasse gehen, schließlich könnte er es ja irgendwo im Laden jemand anderem geben. Dieser Aufwand lohnt einfach nicht.« Was zunächst absurd klingt, hat im Zuge der neuen Jugendschutzgesetze seine praktische Notwendigkeit: »Die Kontrollen sind schärfer geworden, sehr viel schärfer«, so Taferner. »Einmal hatten sie sogar extra ein Kind mitgebracht, das einkaufen sollte.«

    »Bei Counter-Strike und Battlefield merkt man es eher«

    Auch EBGames sieht der WoW-Problematik eher gelassen entgegen. »Bei World of WarCraft ist es nicht so extrem«, sagt Ricardo Romao, stellvertretender Geschäftsführer der EBGames-Filiale in Darmstadt, »bei Counter-Strike und Battlefield merkt man es eher. Diese Kunden kaufen sich so gut wie nie wieder Spiele.« Ein Trend, den auch Oskar Walter beobachtet hat: »Rate mal, welches Spiel ich im letzten Jahr am meisten verkauft habe«, fragte er grinsend. Es ist nicht World of WarCraft. Es ist Counter-Strike. Auch WarCraft 3 und Diablo 2 verkauften sich bei Walter und Romao deutlich besser als so mancher Vollpreis-Titel.

    Eine weitere Gemeinsamkeit: Für beide sind Vorbestellungen enorm wichtig, »zur Kundenbindung«, wie sie sagen. Bei EBGames geht das sogar so weit, dass Hersteller ganze Regale, so genannte »Gondeln« kaufen, um darauf für Vorbestellungen zu werben. US-Amerikanische Dimensionen, wo selbst die Schaufenster meistbietend verkauft werden, erreicht das Ganze allerdings nicht, »noch nicht«, sagt Romao. Für 2006 erwartet er einen Aufschwung des PC-Marktes, ein Aufschwung mit den Namen Oblivion, Gothic 3, Schlacht um Mittelerde 2, Titan Quest. Aber auch mit Burning Crusade, dem Addon zu World of WarCraft. Kein Pessimismus also, im Gegenteil: »2006 wird unser erfolgreichstes Jahr«, glaubt Romao.

    Fragliche Ausmaße

    Dass es ihn gibt, den WoW-Effekt, das ist kaum zu bestreiten. World of WarCraft kostet Zeit, viel Zeit. Zeit, die viele Spieler nicht mehr in andere Spiele investieren können oder wollen. Fraglich scheint allerdings, ob er tatsächlich jene zerstörerischen Ausmaße angenommen hat, die aktuelle Marktdaten und Medienberichte befürchten lassen. Im Gegenteil: Vielleicht hat World of WarCraft das aufgefangen, was den Herstellern und Händlern im vergangenen Jahr ansonsten völlig weggebrochen wäre, aufgrund fehlender Top-Titel, aufgrund einer kaum noch vorhandenen Preisstabilität, aufgrund anderer Onlinespiele wie Counter-Strike oder Battlefield, aufgrund einer wirtschaftlichen Lage, die gerade kleine Händler wie Oskar Walter schon seit einigen Jahren beutelt.

    Die Wahrheit dürfte, wie das meistens so ist, irgendwo in der Mitte liegen. Und in einer Branche, die sich verändert, durch Großmärkte, durch Ketten wie EBGames, durch Ebay.

    »Mein Einzugsgebiet wird immer kleiner«, sagt Oskar Walter. »Die Kunden aus dem Umkreis kommen nicht mehr.« Weil es inzwischen an jeder Ecke einen Großmarkt gäbe. Und natürlich Amazon. »Im Augenblick überlege ich, ob ich mit dem Versandhandel anfangen soll«, sagt er zum Abschluss und schaut ein bisschen gequält drein. »Ehrlich gesagt habe ich da zwar keine Lust zu -- aber ich fürchte, ich werde nicht drumherum kommen.« Die einfache Ausrede -- World of WarCraft -- ist ihm dann doch zu billig.

    Wie ist Ihre Meinung?Schreiben Sie uns an redaktion@pcpowerplay.de.

    Jochen Gebauer

  • World of Warcraft
    World of Warcraft
    Publisher
    Activision Blizzard
    Developer
    Blizzard
    Release
    11.02.2005

    Aktuelle Online-Spiele Releases

    Cover Packshot von Otherland Release: Otherland gamigo AG (DE) , Drago Entertainment
    Cover Packshot von Overwatch Release: Overwatch Blizzard , Blizzard
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World of Warcraft
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http://www.gamesaktuell.de/World-of-Warcraft-Spiel-42971/Specials/Der-WoW-Effekt-717474/
01.04.2006
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