Eidos legt Lara Crofts PSone-Debüt auf der PlayStation2 neu auf -- und perfektioniert es.
Im November 1996 erblickte Lara Croft das Licht der Videospielwelt und sorgte gleich mit ihrem ersten "Tomb Raider"-Abenteuer für mächtig Wirbel.
Bekommen die Zähne gezogen: Die Mumien- Monster lassen sich nicht mehr so leicht abschütteln.
Das Action-Adventure faszinierte durch bis dato unerreichte Komplexität, dichte Atmosphäre und eine super Spielbarkeit. Kein Wunder, dass sich Lara bereits kurz nach Erscheinen wochenlang (weltweit) auf Platz eins der Verkaufs-Charts hielt. Bis heute konnte Eidos sage und schreibe sieben (!) Millionen Einheiten absetzen. Alles schön und gut, doch wenn es nach Lara-Croft-Erfinder Toby Gard geht, hätte man damals einiges besser machen können. Ideen hatten er und die Programmierer von Core Design genug, doch begrenzte technische Möglichkeiten und Zeitmangel hinderten sie daran, diese auch umzusetzen. Nachdem der Release bereits mehrere Male verschoben worden war, musste Lara schlussendlich zu Weihnachten auf dem PS-Gabentisch liegen.
Einfach traumhaft
Luft anhalten und Gas geben: Unter Wasser kann sich Lara nur für kurze Zeit aufhalten. Daher stehen Sie bei Schalterrätseln im kühlen Nass leicht unter Druck.
Heute, ein Jahrzehnt nach Erscheinen des Originals und einem Entwicklerwechsel, soll der Traum vom perfekten "Tomb Raider" wahr werden. Als Gard gemeinsam mit der renommierten Software-Schmiede Crystal Dynamics ("Soul Reaver"-Serie) den siebten Teil "Tomb Raider: Legend" fertigstellte, begann das Team mit den Arbeiten am Herzensprojekt "Tomb Raider: Anniversary" -- dem Remake von Teil eins. Richtig gelesen, liebe Lara-Fans. Bei "Anniversary" (zu Deutsch "Jubiläum", "Jahrestag") handelt es sich nicht um den offiziellen achten Teil der Erfolgsserie, sondern um eine Neuauflage.
Besser nicht abrutschen: Meist können Sie sich einen Absturz erlauben. Hier allerdings endet ein solcher sofort in der Videospielhölle.
Und ohne Ihnen vorweg zu viel erzählen zu wollen, mit "Anniversary" haben sich der Lara-Croft-Erfinder und die Crystal-Dynamics-Coder selbst übertroffen. Sie haben nämlich nicht einfach nur die alten Schauplätze grafisch aufgemöbelt und der Heldin ein paar neue Animationsphasen spendiert, alles wurde komplett überarbeitet, vergrößert, verbessert und mit neuen Features angereichert.
Einzig die Geschichte blieb unangetastet. Diese wollen wir allen Neueinsteigern in einem Satz erklären: Die Action-Archäologin begibt sich auf eine Weltreise, um das mysteriöse Scion-Artefakt zu suchen. Ihr Abenteuer beginnt damals wie heute im verschneiten peruanischen Hochland.
Alles perfekt im Griff
Hat was drauf: Mithilfe von metallischen Gegenständen und Ihrem Magnethaken können Sie an Wänden und Mauern entlanglaufen.
Kenner des Originals erinnern sich sicher noch an das Render-Intro, in dem Lara das riesige Tor zu Höhle öffnet und ihr Begleiter von einem Rudel Wölfe zerrissen wird. Dieses Video wurde im Remake gekürzt. Bevor der arme Tropf von den Biestern zerfleischt wird, müssen Sie das Tor erst einmal öffnen. Der kurze Kletter- und Hüpfabschnitt in den Bergen dient als Tutorial, in dem Sie sich mit der einfachen Kontrolle vertraut machen.
Mit X wird gesprungen. Eine Kampfrolle macht Lara, wenn Sie Kreis drücken. Taucht ein Feind auf, ziehen Sie Ihre Ballermänner mit der L1-Taste. Durch Drücken der linken Schultertaste visieren Sie Ihre Gegner automatisch an. Drücken Sie jetzt R1, schießen Sie sie über den Haufen -- einfacher geht's nicht.
Mit Druck auf den Quadrat-Knopf wirft Lara ihren Magnethaken, den Serienfans bereits aus "Legend" kennen. Mit dem Haken schwingen Sie sich nicht mehr nur über Abgründe, Sie können alternativ auch an Wänden entlanglaufen, um Hindernisse zu überwinden. Hängt an einer Mauer eine Metallöse, klinken Sie sich ein und rennen los. Bewegen Sie den linken Analog-Stick langsam von links nach rechts, holt Lara Schwung.
Fast Fehlerfrei
Schnell abschütteln: Wollen Sie nicht ertrinken, müssen Sie fix den Fuß aus dem Maul des Krokodils ziehen.
Das klappt wunderbar, aber nur, solange Sie im Anschluss zur Seite abspringen. Schwieriger wird's, wenn Sie nach hinten hüpfen müssen. Hängen Sie an einer Wand, lässt sich die Kamera nicht komplett drehen, und Sie sehen nicht, was hinter Ihrem Rücken passiert oder wo die rettende Plattform liegt. Selbiges gilt, wenn Sie an Wänden kraxeln. Haben Sie nicht vorher von unten geschaut, wo es langgeht, bricht sich Ihr weiblicher Indiana-Jones-Verschnitt mit Sicherheit beim ersten Versuch sämtliche Digi-Knochen.
Dafür ist das pixelgenaue Rumgehüpfe PlayStation-Geschichte. Selbst wenn die Sprungrichtung nicht ganz stimmt oder der Absprung verhunzt war, bekommt Lara die rettende Kante in den meisten Fällen zu fassen.
Allerdings hängt Sie dann nur mit einem Arm am Vorsprung und droht abzustürzen. Jetzt sollten Sie schnell Dreieck drücken, dann packt sie wieder mit beiden Händen zu. Ein Sturz mit virtueller Todesfolge ist aber beileibe nicht mehr so tragisch wie vor zehn Jahren. Die spärlich und unfair verteilten Speicherkristalle wurden durch ein cleveres Speichersystem ersetzt: Sie dürfen nun jederzeit Ihren Spielstand sichern.
Kontrollpunkte gibt es auch wie Sand am Meer. Praktisch nach jeder schwierigeren Passage blinkt das Checkpoint-Symbol auf. So muss es sein.
Probieren geht über Studieren
Voll der Zirkus: Wie im Original werden Sie ausschließlich von Tieren angegriffen. Das bedeutet aber nicht, dass Sie leichtes Spiel haben. Die Biester sind nämlich meist in der Überzahl.
Das Versprechen, der Spieler habe nun beim Lösungsweg absolute Freiheit, wird leider nicht gehalten. Am Missionsdesign von damals hat sich in all den Jahren nicht viel geändert. Nach wie vor führt nur ein Weg ans Ziel. Die Herausforderung besteht darin, diesen zu finden. Früher war es meist die Grafik, die Ihnen die Suche erschwerte -- Kanten und Vorsprünge waren auf den grob pixeligen Texturen schlecht oder gar nicht zu erkennen. In "Anniversary" sind diese dank detaillierter High-Res-Texturen nicht zu übersehen. Heute machen Ihnen vielmehr die gigantisch großen Räume und Katakomben das Schatzsucherleben schwer. Einige Abschnitte haben solch enorme Ausmaße, dass Sie sich eine Weile lang umschauen und rumprobieren müssen, bis Sie den Ausweg gefunden haben. Beim Suchen sind Sie übrigens ganz auf sich allein gestellt. Tipps der Entwickler wie die Kamerafahrten in "Legend", die Ihnen beim Betreten eines neuen Abschnitts den Pfad zum Ziel zeigten, gibt es nicht. Dafür greift man Ihnen beim Rätseln unter die Arme. In Ägypten beispielsweise müssen Sie vier Statuen in die richtige Position bringen. Des Rätsels Lösung haben Ihnen die alten Ägypter mit Kreide an die Höhlenwände gezeichnet.
Jetzt aber schnell
Richtig knifflige Rätsel kommen aber nur selten vor. Meistens besteht Ihre Aufgabe darin, einen Schalter oder Schlüssel zu suchen, um ein Tor oder Gitter zu öffnen, durch das Sie in den nächsten Bereich gelangen.
Ganz in Gummi: Dieser Taucheranzug kommt Serienfans sicher bekannt vor.
Gefordert werden Sie hauptsächlich beim Klettern und Hüpfen. In einige Höhlen haben die Programmierer Fallen eingebaut, die sich nur mit schnellen Reaktionen überwinden lassen. An einer Stelle gilt es, fix von einem Baumstamm zum nächsten zu hopsen, um nicht von einem riesigen Steinblock zerquetscht zu werden. Die obligatorischen, mit Giftpfeilen und rasiermesserscharfen Klingen gespickten Gänge dürfen natürlich auch nicht fehlen. Richtig fies sind Passagen, in denen Sie von einem beweglichen Pfahl oder Vorsprung zum nächsten hüpfen. Springen Sie nicht sofort weiter, gibt die Plattform unter Ihnen nach und wandert nach unten. Die Folge: Sie erreichen die höher gelegene nicht mehr und stecken fest.
Da die wackligen Platten, Pfähle und Kanten immer gleich aussehen, wissen Sie spätestens nach ein paar Stunden, wie der Hase läuft, und fallen nicht mehr auf solche billigen Tricks herein.
Gefunden: In diesem Raum versteckt sich der Kommentar von Jason Botta.
Viel unberechenbarer ist der Feindeskader. Das Viehzeug ist in all den Jahren deutlich schlauer geworden. Die Mumien-Monster in Ägypten beispielsweise sind nicht mehr in Klopapier eingewickelt und machen nach fünf Treffern die Grätsche. Die Biester schlucken neuerdings viel mehr Blei und schießen sogar zurück. Kommen Sie den vermeintlichen Krüppeln zu nahe, spucken sie Feuerbälle. Autsch.
Strikt nach Vorschrift
Auch die übergroßen Ungetüme am Ende eines jeden Levels lassen sich nicht mehr mit der Taktik von damals aus der Welt schaffen. Allerdings laufen Kämpfe gegen Bossgegner immer nach demselben Muster ab.
Zugeschnappt: Mithilfe des Magnethakens ziehen Sie selbst tonnenschwere Plattformen aus Wänden.
Ein Boss hat zwei verschiedenfarbige Leisten. Die gelbe zeigt die Lebensenergie, die rote den Aggressionslevel. Um dem Biest Schaden zuzufügen, müssen Sie es mit Ihren Bleispritzen so lange bearbeiten, bis die Aggressionsleiste voll ist. Nun fängt der gelbe Balken an zu blinken. Erst jetzt nagen Ihre Treffer an der monströsen Lebensenergie. In diesem Zustand ist der Boss natürlich besonders angriffslustig und versucht sofort zurückzuschlagen. Weichen Sie seiner Attacke mit einer Rolle aus, schaltet das Spiel in eine Art Zeitlupe. Nun wandern zwei graue Fadenkreuze über den Bildschirm. Sie schießen erst, wenn beide Kreuze zwischen den Augen der Kreatur übereinander liegen. Dann nämlich zieht Ihre Kugel dem Widersacher besonders viel Energie ab.
Normale Gegner lassen sich übrigens auch in diesen aggressiven Zustand versetzen. Allerdings klappt das nur bei größeren Kalibern, die viel einstecken, etwa bei Bären, Gorillas, Dinos oder Mumien. Kleinzeug wie Ratten, Wölfe und Fledermäuse sind bereits tot, bevor sie überhaupt superaggressiv werden können.
Zweifellos makellos
Bekommen die Zähne gezogen: Die Mumien- Monster lassen sich nicht mehr so leicht abschütteln.
Seit mit der PlayStation3 und der Xbox360 Next-Gen-Konsolen auf dem Markt sind, spricht alle Welt nur noch von HD-Grafik. Dass in den Grafikchips der guten alten PlayStation2 auch noch Potenzial steckt, beweist die Grafikabteilung von Crystal Dynamics. Was die Tastenkünstler hier auffahren, lässt so manchen Starttitel des PS3-Line-ups verdammt alt aussehen. Das Grundgerüst für "Anniverary" bildet die überragenden "Legend"-Grafikengine, die nochmals aufgebohrt und verbessert wurde.
Ruckeleinlagen? Antiker Mumpitz. Matschige Texturen? Schnee von vorgestern. Die Grafik läuft butterweich und zeigt zudem deutlich mehr Details. Einziger Mini-Kritikpunkt: Hier und da kommt es zu unschönen Clipping-Fehlern.
Wenn Sie beispielsweise zu nahe an einem Felsen stehen, stellt Lara ihren Fuß nicht lässig auf das Steinchen, sondern die Quante verschwindet im Polygon-Haufen. Unterm Strich zählt "Tomb Raider: Anniversary" zu den grafisch besten Titeln, die es derzeit für die PS2 gibt -- viel mehr werden wohl auch nicht mehr dazukommen.
Spielerisch ist das Remake über jeden Zweifel erhaben. Absolute Lara-Croft-Hasser wird "Anniversary" zwar nicht bekehren, aber all diejenigen, die damals vor Frust das Handtuch geschmissen haben, erleben heute ein stressfreies Abenteuer, das sie so schnell nicht wieder vergessen werden.
