Keanu Reeves: Der misanthropische Menschenfreund
Special
Erst diese Woche kam "Destination Wedding" (2018) mit Keanu Reeves in die deutschen Kinos. Passend zu einem Teil des öffentlichen Images von Keanu Reeves gibt er sich in diesem Werk als regelrechter Misanthrop, welcher die Liebe nur dadurch zu entdecken scheint, dass ihm ein ebenso menschenfeindliches weibliches Pendant gegenübergestellt wird. Wie jedoch sein Echte-Welt-Image derart negativ sein kann und warum es einen Sad Keanu Day gibt, erfahrt ihr in unserem Special.
Keanu Reeves ist ein Schauspieler wie kaum ein anderer. Viele diskreditieren sein schauspielerisches Talent und bekunden ihm die mimische Vielfalt eines Steins. Andere wiederum lieben die Werke des Schauspielers, dessen Karriere in Kanada begann. Wir jedoch sind gar nicht auf sein künstlerisches Talent aus, sondern vielmehr auf die Mythen, die um den 53-Jährigen gesponnen werden. Seine Biografie wurde über die Jahre derart medial aufgeblasen, dass man sich durchaus fragen kann, was davon nun wirklich nur heiße Luft ist. Vom Misanthropen bis hin zum Philanthropen ergießen sich unzählige Geschichten über ihn im Internet. Seiner Karriere chronologisch folgend, wollen wir besonders herausragende Filme als Fixpunkte nutzen, um seinen Werdegang und auch die Gerüchte in einen Zusammenhang zu bringen.
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Karriere Teil 0: Klein Keanu
Wie bei Menschen so üblich, musste auch der angeblich unsterbliche (mehr dazu am Ende des Artikels) Keanu Charles Reeves erst einmal geboren werden. Geschehen ist dies am 2. September 1964 in Beirut (Libanon). Er ist der Sohn einer britischen Kostümdesignerin und eines amerikanischen Geologen mit multikulturellen Wurzeln (britisch/hawaiianisch/portugiesisch/chinesisch). Die Ehe seiner Eltern fand relativ bald ein jähes Ende, woraufhin Keanu mit Mutter und Schwester mehrere Male umzog, bis sie schließlich in Toronto verweilten. Hier gibt es etliche Geschichten des Vaters, der die Familie verlassen hat und wegen Drogen im Gefängnis landete, doch dies ersparen wir euch. Schon ab diesem Zeitpunkt wird die Berichterstattung über Revees undurchsichtig.
Häufig wird berichtet, dass er und seine Schwester an Dyslexie (eine Störung, die das Lesen und Verstehen von Wörtern erschwert) litten und dies neben diversen Umzügen die schulische Laufbahn schwer beeinträchtigt habe. Reeves äußerte sich selbst dazu und beteuerte, dass er gar keine schwerwiegenden Probleme gehabt habe. Richtig ist hingegen, dass seine eigentlichen Interessen vornehmlich beim Schauspiel und Sport lagen. Beinahe, so heißt es, hätte er eine Eis-Hockey-Karriere eingeschlagen statt ans Theater (Leidenschaft für Shakespeare) und später in die Werbung und auch zum Film zu gehen.
Karriere Teil 1: Von Coca-Cola bis Dracula
Wie viele Schauspieler vor ihm, begann auch Reeves seine Karriere in der Werbebranche. Im Alter von 16 Jahren bewarb er 1983 in einem 30-sekündigen Clip Coca-Cola, welcher schon seit geraumer Zeit von seinen Fans im Internet verbreitet wird. Sein filmisches Debüt feierte Reeves dann drei Jahre später. Passend zu seiner Alternativ-Karriere handelt "Bodycheck" (1986) von Eis-Hockey und brachte den beim Dreh 19-Jährigen zudem in ersten Kontakt mit Kollegen wie Patrick Swayze. Wenig später fuhr Reeves mit 3.000 Dollar und einem alten Volvo nach Hollywood, um dort seiner Karriere nachzujagen. Zwar konnte er eine Rolle im Oscar-prämierten "Gefährliche Liebschaften" (1988) ergattern. Wirklichen Erfolg feierte er allerdings erst im Folgejahr mit der Komödie "Bill & Ted's verrückte Reise durch die Zeit" (1989). Sowohl der Film als auch seine Rolle als Trottel Ted wurden zu einem kulturellen Phänomen, sodass zuweilen das Alter Ego auf die reale Person übertragen wurde.
Quelle: Fox
Szenenbild aus "Speed" (1994)
Karriere Teil 2: Musik, Durchbruch und persönliche Dramen
Um zu beweisen, dass er auch mehr kann als nur Klamauk, und um das Image seines großen Erfolgs abzulegen, versuchte er sich danach an höherwertigen Produktionen: Er spielte etwa in "Gefährliche Brandung" (1991) einen FBI-Agenten, und in "Bram Stoker's Dracula" (1992) einen englischen Anwalt, der dem Fürst der Finsternis Immobilien verkaufen soll.
Ein äußerst wertvoller Film seiner Laufbahn war dann "My Own Private Idaho" (Regie: Gus Van Sant) aus dem Jahr 1991. Bei dem Roadmovie stand Keanu Reeves nämlich mit seinem besten Freund vor der Kamera und konnte zugleich seine Hingabe zu Shakespeares Stücken ausleben. Zusammen mit River Phoenix (Bruder von Joaquin Phoenix) drehte Keanu einen Film, der als einer von vielen die Thematik der einseitigen Liebe und als einer von wenigen die Thematik der homosexuellen Liebe behandelt. Daher gilt My Own Private Idaho auch als einer der Wegbereiter des "New Queer Cinema". Zur gleichen Zeit machte Reeves Musik zu seinem neuen Hobby und trat der Band Dogstar bei, in der er lange Zeit als Bassist tätig war. Zwar ist die Truppe heute getrennt, angeblich treffen sie sich aber immer noch gelegentlich für Jam-Sessions. 1991 wurde dann bei seiner Schwester Kim Reeves Leukämie diagnostiziert, woraufhin ihr Bruder angeblich etliche Millionen für die Krebsforschung spendete (mehr dazu am Ende). Übrigens: Regisseur Gus Van Sant arbeitete erst kürzlich mit Rivers Bruder Joaquin zusammen. Gemeinsam bringen sie am 16. August "Don't Worry, weglaufen geht nicht" auf die deutschen Leinwände.
Quelle: Jugendfilm
Szenenbild aus "Little Buddha" (1993)
1993 schlüpfte Keanu Reeves in die Haut des Siddhartha Gautama, heute besser bekannt als Buddha. Es heißt, dass die Rolle in "Little Buddha" neben seinem vermeintlichen Spenden-Wahn zu seiner Reputation als Philanthrop beigetragen habe. Während dieser Zeit starb sein bester Freund River Phoenix an einer Überdosis Drogen.
Ein Jahr nach diesem schweren Schicksalsschlag kam sein Durchbruch in Hollywood, als er mit Sandra Bullock für "Speed" (1994) vor der Kamera stand. Die Besetzung war durchaus kontrovers diskutiert, da man Reeves überwiegend aus Komödien und Indie-Produktionen kannte und somit seine Qualifikation angezweifelt hatte. Mit "Im Auftrag des Teufels" (1997) durfte man ein für Hollywood ungewöhnliches Verhältnis zu Geld feststellen, dass auch in späteren Leinwand-Auftritten zu Tage trat. Manchmal nämlich wollte Reeves es sich nicht nehmen lassen, neben den ganz Großen vor der Kamera zu stehen. Im soeben aufgeführten Beispiel, verzichtete er auf einen Teil seines Gehalts, damit das Budget für die Verpflichtung von Al Pacino reichte.
Noch einmal zwei Jahre später erklomm Keanu Reeves als Neo ("Matrix") den monetären Gipfel seiner Karriere. Alleine 10 Millionen Dollar Vorschuss erhielt der Star schon vor den Dreharbeiten. Unmittelbar im Anschluss machten sich Gerüchte breit, er habe einen Großteil seines Einkommens (das mit absurder Millionenhöhe angegeben wird) an Krankenhäuser gespendet, die mit der Heilung von Krebs befasst sind. Außerdem soll er überschüssige Gelder aus den Folgefilmen zu großen Teilen an die Visual-Effects-Crew weitergegeben haben. Die virale Behauptung stellt jedoch lediglich eine maßlose Übertreibung dar. Wahr ist, dass er durchaus an Spenden für die Krebsforschung (sowie diverse andere) beteiligt ist und dass er einen Teil seiner Gewinne zurück in das Filmbudget fliesen ließ, da die Gelder während des Drehs knapp wurden. Im gleichen Jahr (1999) starb seine ungeborene Tochter und hinterließ nicht nur einen zerstörten Vater, sondern auch die Beziehung zu Jennifer Syme in Scherben. Schon zwei Jahre später kam seine Ex-Freundin Syme bei einem Autounfall ums Leben. Bis heute ist nicht geklärt, ob es sich um Selbstmord gehandelt hat.
Quelle: Concorde
Szenenbild aus "John Wick 2" (2017)
Karriere Teil 3: John Wick und die Ära der Memes
Was geschieht also mit einer solch schicksalsträchtigen, medial überzogenen Leidensgeschichte in Zeiten des Internets? Richtig, es entstehen Memes, die den Mythos mehr und mehr ins gesellschaftliche Gedächtnis prügeln. 2010 entstand durch den Paparazzi Ron Asadorian das Bild eines vermeintlich niedergeschlagenen, einsam auf einer Parkbank sitzenden und traurig sein Sandwich anstarrenden "Sad Keanu". Gepusht von seiner aufgebauschten, wenngleich natürlich trotzdem tragischen Vergangenheit rief man auf der Plattform "4chan" den "Cheer Up Keanu Day" ins Leben an dem Fans dem Künstler entweder tröstende Worte oder Hilfsorganisationen Spenden zukommen lassen sollten. Dem noch nicht genug, förderte die Bewegung und natürlich die "Meme-Kultur" die mit Halbwahrheiten unterfütterte Lebensgeschichte des Schauspielers, wodurch das Bild eines Mannes entstand, der eine traurige Vergangenheit hat (Sad Keanu), sich gerne in Einsamkeit begibt bzw. seine Privatsphäre liebt (Misanthrop), all sein Geld an Mitmenschen und Organisationen spendet (Philanthrop) und als bodenständig gilt, weil man ihn hier und da mal in öffentlichen Verkehrsmitteln antreffen kann und er sich keine millionenschwere Villa in den Hollywood Hills gekauft hat. Bei all dem sollte man aber nicht vergessen, dass er immer noch im Wohlstand lebt (übrigens als direkter Nachbar von Leonardo DiCaprio), Chef seiner eigenen Motorradfirma ist und sich als Echt-Welt-John-Wick gerne mal gekonnt über einen Schießstand ballert.
Ungeklärt bleibt natürlich das Rätsel seiner Unsterblichkeit. Aufgrund seiner nahezu unveränderten Jugendlichkeit wird ihm gerne Vampirismus vorgeworfen. Dies wird unter anderem durch ein Porträt untermauert, dass einen längst verstorbenen, optischen Zwilling von ihm zeigt. In einem Interview scherzte Keanu Reeves einmal, dass er von der verjüngenden Wirkung von Blut gehört habe, es läge aber eindeutig an seinen Genen. Na, wenigstens glitzert er nicht.
