Im letzten Monat noch keine testfähige Version, jetzt ist das Spiel auf dem Markt: Ist Deutschlands Rollenspiel-Hoffnung endlich fehlerfrei?
E in Rückblick: Schon vor Wochen erreichte uns die von Hersteller Jowood freigegebene Testfassung von "Gothic 3". Doch statt Fantasy-Stimmung kam Ärger auf -- das Spiel war in einem erbärmlichen Zustand. Daraufhin versprachen die Entwickler viele Nachbesserungen, Konkurrenzmagazine druckten gutgläubig euphorische Testberichte ab. Wir hingegen wollten nicht aus Kaffeesatz lesen, sondern entschieden uns für die seriöse Variante: Der Test entfiel, bis die Verkaufsversion im Handel stand -- erst jetzt war ein fundierter, leserorientierter Test möglich!
Zu Beginn des Spiels schlüpfen Sie in das Lederwams eines namenlosen Helden, der ins Fantasy-Reich Myrtana zurückkehrt. Dort muss er feststellen, dass seine Heimat in seiner Abwesenheit von Orks überrannt worden ist. Die Heldentruppe erreicht das Dorf Ardea und muss mit ansehen, wie die Einwohner von den Besatzern geknechtet werden. Klar, dass Sie das Schwert zücken und den Invasoren eins auswischen.
Das Doofe dabei: Im Nahkampf zählt Klickgeschwindigkeit mehr als Geschick. Aber wenigstens verheddern sich die Grünhäute nicht mehr (wie noch vor dem Patch) in den Gebäuden, kein Physik-Bug schleudert Schwerter ins Level-Nirwana.
Tatsächlich hinterlässt "Gothic 3" nach den ersten Spielminuten einen besseren, ausgereifteren Eindruck als die erste Goldmaster. Besonders die Landschaft mit ihren authentischen Häusern und den malerischen Blumenwiesen begeistert.
Geh weg, du sau!
Voll und ganz genießen können Sie das allerdings nicht, denn als Nächstes kommen die Killerwildschweine! In einer der ersten Quests sollen Sie in einem nahe gelegenen Versteck drei Eber verjagen. Ein paar Hiebe per Rechtsklick, schon geht das erste Borstenvieh in die Knie! Juhu! Doch Nummer zwei rächt seinen Artgenossen. Angriff um Angriff wirft den Helden zurück, er kann nicht reagieren, nicht blocken, nicht zuschlagen -- und geht zu Boden. Da hilft nur eines: umdrehen und die Beine in die Hand nehmen. Dann eben mit Pfeil und Bogen. Schießen, zurückziehen, schießen -- so lange, bis alle Schweine erledigt sind.
Um es vorwegzunehmen: Im Angesicht mancher Gegner bleibt das auch auf höheren Erfahrungsstufen die einzig erfolgreiche, wenn auch langweilige Taktik. Das Kampfsystem wirkt unausgereift: Die ach so mächtigen Oger sind mit Leichtigkeit zu besiegen -- doch die Killerkeiler sind Ihnen einfach stets überlegen.
Überhaupt haben es Nahkämpfer schwerer als Bogenschützen oder Magier. Die picken sich einen Gegner raus, locken ihn an und brennen ihm aus sicherer Entfernung Pfeile oder Feuerbälle auf den Pelz. Mit ausreichend Munition kriegt man sogar Drachen klein. Blocken kann man indes selbst mit einem Schild vergessen, Ausweichen ist Glücksache.
Wenn Sie sich nicht gerade übers Kampfsystem ärgern, lösen Sie Quests. Die sind die eigentliche Stärke des Spiels. Da ist ein Händler von Banditen überfallen worden, da fleht Sie ein Sklave an, ihm zur Flucht zu verhelfen, da will ein Jäger mit Ihnen eine Wolfshöhle ausräuchern. Langeweile gibt's nicht, die Aufgaben bleiben abwechslungsreich.
Der offene Spielablauf und die riesige Welt, das sind die Pluspunkte von "Gothic 3". Einsteiger allerdings lässt das Spiel oft im Regen stehen. Die Beschreibungen der Aufgaben sind so ungenau wie jene der Orte, die man aufsuchen soll. Und im Questlog fehlen zu allem Überfluss manchmal wichtige Hinweise.
Einer der größten Patzer war in der ursprünglichen Version das Verhalten der Gegner. Die blieben mitunter selbst im Pfeilhagel regungslos stehen oder verhakten sich auf dem Weg zum Angreifer an Hindernissen. Das passiert nach dem Patch nicht mehr so häufig -- aber immer noch zu oft. Dadurch werden Kämpfe gegen größere Gegnertruppen zu simpel und schlichtweg langweilig.tk n
