20 Freunde müsst ihr sein

Special

Ein Jahr lang sind 160.000 eSportler aus ganz Deutschland angetreten, um sich als die Besten zu beweisen. Wir waren beim Finale bei Berlin -- hier entschied sich, wer für die deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Singapur antritt.

Haben Sie gewusst, dass eSport in zehn Staaten als offizielle Sportart anerkannt ist? Die Zeiten, wo sich Spieler einfach nur im Wohnzimmer treffen, die Rechner verbinden und dann in bescheidener Runde zocken, scheinen vorbei zu sein. Heute muss alles größer, schneller und offizieller sein -- oder mindestens einen internationalen Hauptsponsor haben. Dass das aber keine Veranstaltung nur für Profis und Geschäftsleute sein muss, sondern auch eine Familienangelegenheit, beweisen die deutschen World Cyber Games (WCG) Finals. Vom 9. bis zum 11. September treffen sich 210 Spieler im brandenburgischen Brand, wo Deutschlands größte Südsee-Insel steht.

Finale in Far-Cry-Kulisse

Dass die Kulisse den eigentlichen Event leicht in den Schatten stellte, schien niemanden zu stören: Denn dort, wo einst der größte Militär-Flughafen der DDR war und später der »Cargo Lifter« (eine Art Frachtzeppelin) das Schweben lernte, ist heute ein überdachtes Badeparadies der Superlative. In diesem künstlichen Südsee-Ambiente kann man schwimmen, Riesenrad fahren, sich unterhalten lassen -- selbst der Eiffelturmhätte langgelegt noch genug Platz darin. Aber nur dafür waren die 210 Spieler aus ganz Deutschland nicht angereist. Neben Real-Life-Ruhm und -Ehre können sich 23 Spieler für die WCG-Weltmeisterschaft (16. - 20. November 2005) des Computersports in Singapur qualifizieren und vielleicht die 500.000 US-Dollar Preisgeld mitnehmen.

Weltmännisch

Die World Cyber Games ist eine der größten eSports-Veranstaltungen der Welt, an der mehr als eine Million eSportler (davon 160.000 in Deutschland) aus ca. 80 Ländern teilnehmen. Als die WCG 2000 entstand, waren es gerade mal 17 Nationen. Dazu gehören jetzt unter anderem Argentinien, China, Indien, der Iran, Serbien und natürlich Deutschland. Die Teilnehmer treten weltweit in acht Spielen an (sechs PC, zwei Xbox), um die besten Teams und Solisten zu ermitteln. Hat man sich aus den Tiefen der Vorrunden an die Spitze gespielt, trifft man sich ein letztes Mal, um aus den verbliebenen Sportlern die jeweilige Nationalmannschaft zu bilden. In Deutschland finden diese Vorentscheide offline auf Veranstaltungen wie der Games Convention in Leipzig, WWCL sowie LAN-Partys statt, außerdem online über ausgesuchte Ligen.

Ist das Nationalteam gefunden, geht es mit Keyboard und Maus im Gepäck ins Ausland. Die letzte WCG-Weltmeisterschaft fand in den Vereinigten Staaten statt, dieses Jahr dann wieder in Asien, wie die drei Jahre zuvor. Dieses Final- Happening wird von Jahr zu Jahr prunkvoller: Die Eröffnungs- und Abschlusszeremonien brauchen den Vergleich mit einer Otto-Normal-WM nicht mehr zu scheuen -- jedes Land hat sogar seinen eigenen Fahnenträger. Zudem wachsen die World Cyber Games, was die Anzahl der teilnehmenden Nationen angeht, schneller als die olympischen Spiele oder die Fußball-Weltmeisterschaft. Kein Wunder, schließlich braucht es nicht mehr als einen Internetzugang, um sich anzumelden. Und jeder ist willkommen.

Am Strand spielen

Auf den ersten Blick erinnern die Deutschland- Finale allerdings nicht gerade an eine prestigeträchtige Meisterschaft: Während die Spieler der prominenten Teams von mTw oder a-Losers in Badehose am Wasserfall rumhängen oder in die Lagune tauchen, spielen Vater und Sohn, eigentlich wegen des erfrischenden Nasses hier, eine Runde Xbox am Strand. Unterdessen schütteln die zwei für das Klima passend gekleideten Stand-Girls, was sie haben, und eine Musikertruppe stimmt schmissige Südseeklänge an. Den Badegästen gefällt es, auch wenn viele das erste Mal in ihrem Leben mit eSport konfrontiert sind: »Ich habe gar nicht gewusst, dass es so etwas wie eine Weltmeisterschaft der Computer-Spieler gibt«, sagt ein älterer Herr. Seine Begleitung fügt hinzu: »Mir war nicht klar, dass das wie ein richtiger Sport ist und mehr als nur Totschießen.«

Inmitten der permanenten Geräuschkulisse von Kindergekreische, dem nie endenden Unterhaltungsprogramm und einer anfangs leicht drückenden Hitze, versuchen die Teams, sich auf ihr Spiel zu konzentrieren. Wie Pianisten massieren sie ihre Hände und legen sie anschließend an die selbst mitgebrachten Tastaturen und Mäuse. Ganz ohne Reibereien geht es aber nicht ab, denn ein Mini-Eklat entsteht bei den Profis schon aus winzigen Angelegenheiten wie einer falschen Spiele-Variable, die Funktion X leicht beeinflusst. Das größten Probleme sind dann aber doch menschlicher Natur: »Meine Hände schwitzen, und ich rutsche von der Maus ab«, klagen zahlreiche Spieler. Gut dran ist, wer ein Handtuch dabei hat, denn im synthetischen Tropenparadies herrschen immer circa 25 Grad Celsius.

FIFA-Zwillinge

Während sich die Gäste und die, die gerade nicht antreten müssen, entspannt in den Liegestühlen zurücklehnen und die Spiele auf einer Großleinwand verfolgen, sitzen die Sportler angespannt vor den 90 TFT-Schirmen und AMD-Barebones. Die Anzahl der offiziell gespielten PC-Titel ist sehr überschaubar, obwohl es sich um eine weltweite Liga handelt: FIFA 2005, Need For Speed Underground 2, StarCraft: Brood War, WarCraft 3: Frozen Throne, Warhammer 40k -- Dawn of War und Counter-Strike -- Source. Für unerwartete Überraschungen sorgt Frederick Keitel (StarCraft), der sich als weltweit Erster zum fünften Mal hintereinander für das internationale Finale qualifiziert. Auch die beiden mittlerweile als »FIFA-Zwillinge« bekannten Gelsenkirchener Dennis und Daniel Schellhase waren wieder mit dabei -- Dennis fährt aber ohne seinen Bruder nach Singapur. Hinterm Steuer sind die Deutschen bekanntlich gut: Niklas Timmermann, der amtierende Need for Speed Underground-Weltmeister, wird dieses Jahr wieder seinen Titel verteidigen. Interessant: Niklas ist erst 17 Jahre jung und hat selbstverständlich noch keinen Führerschein, aber den WM-Titel für ein Rennspiel in der Tasche. Sabine Müller, die erst seit Anfang dieses Jahres ernsthafte eSportlerin ist, heimste nicht nur die Sympathien der weiblichen Badegäste ein, sondern stand bei der Siegerehrung gleich auf dem Treppchen. Zwar hat es nur für den dritten Platz gereicht, aber ein schöner Erfolg für jemanden, der erst kurz dabei ist. Ähnlich bei selectha, dem Sieger in Counter-Strike Source, der trat mit einer zusammengewürfelten Gruppe von Leuten an und gewann 16:8 und 16:1 gegen die sonst deutlich überlegenen Mannen von mTw. Für die 20 Sieger geht es zunächst in ein Bootcamp, wo sie auf das anstehende Turnier getrimmt werden und anschließend, am 16. November 2005, nach Singapur, um dort für Deutschland nach den Medaillen zu greifen.

Jan Tomaszewski

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