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  • Bambis Streichelzoo

    Die Verleihung des Deutschen Spieleentwickler-Preises fand in der glanzvollen Lichtburg in Essen statt. Niedlich wirkte das. Wenigstens EINE Gemeinsamkeit mit dem Bambi!

    Bei genauerem Hinsehen ist der rote Teppich grün. Und er liegt hinter Absperrungen. Nur die Presse darf drauf. Die zwei Gästeschlangen kriechen links und rechts davon vorwärts.

    Zwei Kinder springen her. Eins ruft: »Was ist das hier, was ist das hier?« Im Vorbeigehen antwortet ein Veranstaltungshelfer: »Der Entwicklerpreis, Junge.« Der Junge guckt verständnislos.

    Scheinwerfer leuchten zum Himmel hoch und zeigen an, dass in der Essener Lichtburg wieder was los ist. Die Bürger kennen das. Wim Wenders feierte die Premiere seines letzten Films hier. Till Schweiger auch. Im Foyer hängen Fotos von den Stars und von begeisterten Fußgängern, die ihre Arme recken. Heute läuft die Traube von Schaulustigen bald auseinander. Wer schöne reiche Menschen suchte, hat keine gefunden -- jedenfalls keine aus Film und Fernsehen. Der Junge, dem der aufgeregte Ruf entfuhr, macht das Beste draus. Seinem Kumpel zischt er ins Ohr: »Ich hab ein Foto im Handy, sicherheitshalber.« Dann hauen sie ab. Die Branche der Computerspiele wünscht sich den Glamour sehr. Bis sie ihn verströmt, dauert es noch. Mühe gibt sie sich schon.

    Shake-Hands-Rituale

    Am Eingang prüft gewissenhaftes Personal die Gästeliste und klebt den Geladenen blaue Armbänder um die Handgelenke. Wer blau trägt, darf sich entspannter betrinken -- an zwei Theken ein Stockwerk höher. Noch besteht kein Anlass, dahinzustürmen: Unten wandern Tabletts mit Sektgläsern, und mit Shrimps in Teigmantel, und mit Fleischspießen in Erdnusssoße.

    Man begrüßt sich. Vertrautheit wird gepflegt, ob man sich kennt oder nicht. Die Meisten halten sich dran. Aber es gibt die entlarvenden Momente vor der Herrentoilette: »He, gut Dich zu sehen, wie geht es Dir!« -- »Du, bei mir ist alles in Ordnung. Und bei Dir? Mensch, das ist so lange her! Weißt Du überhaupt noch, wer ich bin?« -- »Mann, Mann, Mann. Klar. Nein. Entschuldige.« Im Geschäft schlägt Ehrlichkeit schnell ins Peinliche.

    Über 650 geladene Gäste rücken ins Foyer der Lichtburg nach. Als das Gedränge zunimmt, entschließen sich die ersten Blauträger doch für den Wechsel in den VIP-Bereich zu den Ledersesseln. Einer hat gehört, die Preisverleihung solle ewig dauern, wegen der sage und schreibe 23 Kategorien. »Dann müssen wir vorher ein paar Bier mehr wegtrinken«, sagt er. Aber die Sorge ist umsonst. Unten auf der Bühne kriegen sie gar nicht mit, wenn hier einer aufsteht, die Türen schlagen lässt und Getränke holt.

    Die Fanfaren erklingen

    Applaus erhebt sich, als Jochen Dominicus auftritt, der früher bei GIGA moderierte. 8.000 Menschen hätten im Internet über die Publikumspreise abgestimmt, sagt er. Ja, denkt mancher sich, eine ungeheuerliche Zahl ist das -- fast alle Computerspieler in Deutschland müssen das sein! So annähernd. Die Zahl ist aber erklärbar: Die Abstimmung lief versteckt auf einzelnen Websites. Man verkneift sich bissige Bemerkungen. Daraufhin sagt der Moderator: »Und ich bin mir sicher ...« (nach dem Luftholen steigert seine Stimme sich zur Anfeuerung: »... ein paar von diesen 8.000 Leuten ... SIND HEUTE ABEND HIER BEI UNS! WO SEID IHR, FANS!?« Er sieht sich um. Die Stille bleibt. Vereinzeltes Räuspern. Die Stille setzt sich fort. Gut, keine Fans da. Oder nicht so gut. Das berührt unangenehm. Aber welchen Starlets sollten die auch ins Dekolletee stieren wollen? Den Händedruck von welchem Helden erhaschen? Johlende Menschenmengen, während Programmierer im entstaubten Sonntagsanzug zur Bühne schreiten?

    Die Fanfaren verstummen

    Irgendwann scheint es leider wirklich, als dauere die Preisvergabe ewig. Obwohl die hohe Anzahl der Kategorien nichts dafür kann. Die Präsentationen gehen bloß immer identisch vonstatten: Ein Trailer der Veranstaltung läuft ab (und strapaziert beim x-ten Mal die Nerven), der Moderator wiederholt: »Und gewonnen hat ...«, dann erscheint ein Balkendiagramm auf der Leinwand, und die Neuigkeit ist raus. Glamourös, glamourös. Von den allermeisten Siegertiteln bekommt das Publikum weder Spielausschnitte zu Gesicht, noch Fetzen von Interviews mit den Machern, überhaupt keine Sinneseindrücke davon, warum die Nominierungen berechtigt sind.

    Eine Gelegenheit zum Verschnaufen schafft der Auftritt der Musikgruppe »Trommelfeuer«, deren Sound eines sehr eindringlich zurück ins Gedächtnis holt: Die Lichtburg liegt in einer Fußgängerzone. Weil zu befürchten ist, dass gleich ein Hut wandert, leeren sich die Ränge zwischendurch für eine Viertelstunde.

    Freundlich ist das Bild, das am Ende von den Gewürdigten bleibt. Die lassen sich vom Brimborium nicht anstecken. Bescheiden sagen sie Danke und freuen sich. Manche sind so aufgeregt, dass ihnen die Skulptur aus den Händen fällt. Abgebrüht tritt allein die Gruppe von Ascaron auf. Die sagen, sie hätten jetzt gewonnen -- und nächstes Mal werde es wahrscheinlich das Gleiche sein. Das Augenzwinkern muss man sich denken. Auf der Party später äußert ein bekannter Designer dazu: »Ohne Sacred gäbe es die vermutlich gar nicht mehr. Glück gehabt.«

    Als die Preisträger für das Finalfoto gesammelt auf die Bühne gehen, hechten die Logengäste längst zum Büffet. Es gibt marinierten Tintenfisch. Wer weiß, ob der für alle reicht.

    Party-Promenade

    Wer überleben und wen es hinwegraffen wird, ist in den Stunden nach der Verleihung das große Thema. Vergessen die Diskussion darum, ob Computerspiele ein Kulturgut sind -- die der Bundesverband der Entwickler in diesem Jahr selbst anfing. »Ich hasse das«, knurrt einer. »Machen Zahnpastaspiele und geifern um Unterhalt wie Ex-Frauen. Natürlich brauchen die Geld, mit solchen Projekten!« Ein anderer sagt: »Wenn wir Unterstützung verdient haben, dann als Industrie, in der Investitionen lohnenswert sind. Nicht wegen ideeller Sachen.« Einer widerspricht noch halbherzig: »Kulturförderung wäre schon schön -- vor allem im Prototypen-Bereich. Dann ließe sich mehr versuchen.« Und jemandem fällt ein, dass auf Arte ein Beitrag darüber zu sehen gewesen sei, wie viele Fußballplätze subventioniert würden. Das Geld könne man ja nach der WM auf die Computerspiele umschichten. Aber dann sagt wieder einer: »Wir sind doch noch Garagen-Entwickler, wenn man international guckt. Da muss erst im größeren Stil gearbeitet werden, bevor man auf Kultur macht.« Im Moment sei es schwierig, von Projekt zu Projekt zu kommen, weil die Publisher so straff kalkulierten. Das aufzuheben, dafür sei nicht der Staat da.

    Solche Stimmen sind in der Mehrzahl. Allerdings will keiner der Befragten mit seinem Namen genannt werden -- weil das unnötig für Unruhe sorge. Wer an Malte Behrmann vom Bundesverband die Frage nach dem Stand der Debatte gerichtet hat, der weiß, woher die Vorsicht rührt. Scharf platzt der Wortführer heraus: »Diese Veranstaltung hier, die ist doch wohl ein Beweis dafür, dass Computerspiele Kultur sind!« Punktum. Jetzt also nicht mehr wegen besonderer Gründe? Wegen des marinierten Tintenfischs? Erwachsen werden braucht seine Zeit. Der Bambi ist ja auch noch ein Rehkitz.

    Daniel Ch. Kreiss

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01.01.2006
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